Tätowierungen

Tätowierungen – eine Freiheit des Gläubigen?

Manuel Seibel

 

Tätowierungen werden zunehmend auch von der Gesellschaft akzeptiert. Früher waren sie ein Zeichen von „ausgeflippt sein“. Menschen, die eher am Rand der Gesellschaft standen, hatten Tattoos. Heute haben viele solche „Schmuckstücke“. Was ist aus Sicht der Bibel davon zu halten?

Die Statistik

Das Institut für Demoskopie Allensbach hat im Sommer 2014 durch eine repräsentative Befragung herausgefunden, dass fast jeder vierte 16-29-Jährige ein Tattoo aufweist und 15% dieser Altersgruppe gepierct sind. Sogar 46% dieser Generation gefällt ein Tattoo. In der Gesamtbevölkerung trägt immerhin jeder Achte ein Tattoo und 21% finden Menschen mit Tattoo gut. Bei den 30-44-Jährigen ist immer noch jeder Fünfte tätowiert und 30% gefallen diese Tätowierungen ... Frauen und Personen aus Ostdeutschland stellen übrigens einen überdurchschnittlich hohen Anteil dar. Rund ¾ tätowierter Menschen würden sich mehrfach tätowieren lassen, weil ihnen dieser „Körperschmuck" gefällt.

Die Motive für Tattoos sind sehr unterschiedlich: Liebesbeweis, Talisman oder Freundschaftszeichen nennen viele als Beweggrund. Der Wunsch, seinen Körper dauerhaft zu verändern (verstümmeln), zeugt laut Studien nicht nur von einem bestimmten Schönheitsideal, sondern auch von einer speziellen Lebenseinstellung. Wer sich tätowieren lässt, will sich „markieren". Tätowierte Menschen kommunizieren mit ihrem Körperschmuck und machen damit deutlich, dass sie zu einer Community (Gemeinschaft, Gruppe) gehören (wollen). Für einige wird das Tattoo-Stechen sogar zur Sucht. Sie haben das Verlangen nach immer mehr Tattoos und können ihr Verhalten nicht mehr kontrollieren.

Psychologen haben darüber geforscht, was vor allem junge Menschen dazu treibt, sich Tattoos oder Piercings stechen zu lassen. Die Hauptmotivation von Jugendlichen ist anscheinend ihr Drang nach Individualität. Sie wollen auffallen, sei es durch Kleidung, Frisur, ausgefallene Hobbys oder eben Körperschmuck. Außerdem meinen manche Heranwachsende, Tattoos seien ein Zeichen dafür, zur Erwachsenenwelt zu gehören. So könnten sie ihre Eigenständigkeit beweisen, ihre „Macht" über ihren Körper.

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob man als Christ zu diesem Thema eine Beurteilung auf der Grundlage der Schrift vornehmen kann. Denn angesichts der recht hohen Quote unter jungen Menschen ist es sehr wahrscheinlich, dass es auch eine Reihe von bekennenden Christen gibt, die tätowiert und/oder gepierct sind. Dennoch haben vermutlich die meisten Gläubigen ein ungutes Gefühl im Blick auf diese Körperbehandlungen.

Hinweise im Gesetz

Kürzlich fiel mir folgender Bibelvers auf: Ihr sollt keine Einschnitte an eurem Leib machen für eine [abgeschiedene] Seele, und ihr sollt euch keine Zeichen einätzen! Ich bin der Herr. (3.Buch Mose Kap. 19, Vers 28; Schl2000)

Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, wurde zu unserer Belehrung zuvor geschrieben, damit wir durch das Ausharren und den Trost der Schriften Hoffnung fassen. (Römerbrief Kap. 15, Vers 4; Schl2000)

Das heißt auch, wir sollen nicht dieselben Fehler machen, damit wir nicht im Wort Gottes straucheln! Vergleiche auch diesen Bibelvers, das für uns zur Warnung aufgeschrieben ist 1.Korinther Kap. 10, Vers 11;Schl2000. 

Vorher und nachher lässt Gott seinem Volk Israel im Blick auf diese Dinge, die unter den Nationen üblich waren, ausrichten:

So haltet denn meine Verordnungen, daß ihr keinen von den greulichen Gebräuchen übt, die man vor euch geübt hat, und euch nicht durch sie verunreinigt. Ich, der Herr, bin euer Gott!  (3.Buch Mose Kap. 18, Vers 30)

Damals und auch heute spielen okkulte Motive bei Tätowierungen immer wieder eine Rolle. Vermutlich wissen manche gar nicht, worauf sie mit bestimmten Bildern auf ihrem Körper tatsächlich hinweisen.

 Der Christ und das Gesetz

Nun wissen wir, dass wir nicht mehr unter Gesetz stehen, weil Christus das Ende des Gesetzes ist (Römer 10,4; Schl2000). Das aber bedeutet keineswegs, dass die göttliche Moral, die bei vielen Geboten sichtbar wird, seit Beginn des Christentums ungültig geworden wäre. Im Gegenteil! Paulus greift gerade in dem Brief, in dem er vom Ende des Gesetzes spricht, wesentliche Inhalte des Gesetzes auf (vgl. Röm 13,8; Schl2000) und zeigt, dass wir als Erlöste die Rechtsforderungen des Gesetzes erfüllen (Röm 8,3-4; Schl2000).

„Zwar wird wohl kein Christ aus Gründen von Götzendienst und Hurerei Tätowierungen vornehmen lassen?“ Aber Aberglaube (Glücksbringer) und Verehrung (einer Sache oder Person) können leider doch zu einer Tätowierung führen. Wie viele „Glücksbringer" gibt es auf den Schreibtischen von gläubigen Schülern, Studenten, Auszubildenden oder auch Angestellten? Diese können ja in Wirklichkeit gar keinen Erfolg bringen, weil allein Gott das Gute bewirkt, niemals ein Kuscheltier etc. Wir sollten nicht vergessen, dass uns ein Götze mit der unsichtbaren, dämonischen Welt in Verbindung bringt (vgl. 1. Korinther 10,20-22). Und manche solcher Götzen hängen auch um den Hals von Christen. Dazu können auch kleine Kreuze gehören, die man wie ein Amulett und Schutzpatron um den Hals trägt. Das Kreuz Christi ist tatsächlich das Erlösungsmittel für den Menschen. Aber als Schmuckstück und Schutzschild hat Gott es nicht gegeben.

 Der Körper des Christen

Wie sind Tattoos zu bewerten, die aus anderen als den genannten Gründen getragen werden? Zunächst gibt es die klare Botschaft Gottes zur Ätzschrift in 3.Buch Mose Kap. 19. Wie kann man sich vor diesem Hintergrund ein Tattoo stechen lassen? Zudem lernen wir aus 1. Korinther 6,19, dass unser Körper der Tempel des Heiligen Geistes ist. So lässt sich fragen, ob wir seine heilige Person mit einem Bild verbinden können, das wir uns dauerhaft auf den Körper stechen lassen. Haben wir als solche, in denen der Geist Gottes wohnt, nicht auch eine besondere Verantwortung, sorgsam mit diesem Tempel umzugehen? Diese Fürsorge betrifft auch unsere Gesundheit - und dieser nutzt ein Tattoo nichts. Im Gegenteil, das Anbringen ist schmerzhaft. Das Entfernen macht sogar einen größeren und komplizierten Eingriff nötig, nur mit einem Laser, und am Ende bleiben hässliche Narben!

Der Apostel leitet den entsprechenden Abschnitt mit den Worten ein: Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles ist nützlich! Alles ist mir erlaubt – aber ich will mich von nichts beherrschen lassen! (1. Korinther 6,12) Tattoos stiften keinen Nutzen. Zudem muss man sich fragen, ob man den Körper und sich selbst nicht durch ein Tattoo „beherrschen" lässt, da man es ja nicht mehr entfernen kann, jedenfalls nur mit enormen Kosten und Nachteilen.

Drang nach Individualität

Eine wesentliche Motivation für Tattoos aber ist der Drang nach Individualität. Viele (junge) Menschen wollen noch „einzigartiger" sein, als sie es ohnehin schon sind. Jeder Mensch ist ein Individuum. Selbst der einzelne Zwilling (oder Drilling ...) hat ganz persönliche Kennzeichen, die Gott ihm im Unterschied zu allen anderen Menschen gegeben hat. Aber diese Einzigartigkeit reicht anscheinend heute nicht mehr aus. Warum eigentlich nicht?

Offensichtlich muss das persönliche „Ich" noch stärker herausgearbeitet werden. Mehr und mehr dreht sich alles um das eigene „Ich". Dieser Zeitgeist erreicht auch uns Christen. Nur derjenige, der auffällt, wird noch beachtet - meint man. Alle anderen gehören schon (fast) zu den Langweiligen.

Falls dieser Gedanke bei mir vorhanden ist, hat der Apostel Paulus eine wichtige Botschaft an mich: Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. Ich verwerfe die Gnade Gottes nicht; denn wenn durch das Gesetz Gerechtigkeit [kommt], so ist Christus vergeblich gestorben.  (Galater 2,20-21)

Paulus zeigt, dass jeder Einzelne von uns ganz persönlich vom Sohn Gottes geliebt worden ist. Das Ergebnis dieser Liebe ist aber nicht Selbstliebe und Selbstverherrlichung, sondern das Gegenteil: Das eigene „Ich" hat am Kreuz Jesu sein Ende gefunden:  Nun bin ich aber durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, um für Gott zu leben. (Gal 2,19) Christus ist Antrieb und Kraft in meinem neuen Leben. Ihm dienen wir durch Glauben und mit ganzer Entschiedenheit. Dazu bedarf es keiner Tattoos, sie stehen dem geradezu im Wege.

 Zur Ehre Gottes - kein Anstoß - zur Errettung von Menschen

Noch ein letzter Punkt: Ob ihr nun eßt oder trinkt oder sonst etwas tut – tut alles zur Ehre Gottes! Gebt weder den Juden noch den Griechen noch der Gemeinde Gottes einen Anstoß, so wie auch ich in allen Stücken allen zu Gefallen lebe und nicht meinen Nutzen suche, sondern den der vielen, damit sie gerettet werden. (1. Korinther Kap. 10, Verse 31-33)

Der Anspruch, den Paulus an sich und an die Gläubigen (in Korinth) stellt, ist sehr hoch. Bei allem, was wir tun, sollte es um die Ehre Gottes gehen. Dazu gehört auch, was wir mit unserem Körper tun - sei es ein Tattoo oder ein Piercing, was wir vielleicht überlegen, machen zu lassen ... Wird dadurch wirklich Gott und der Herr Jesus verherrlicht? Wenn wir jemanden im Blick auf den Glauben zu Fall bringen könnten dadurch, dass wir uns ein Tattoo stechen lassen, sollten wir darauf verzichten. Beim Anstoß geben geht es nicht darum, dass sich möglicherweise jemand über uns ärgert. Anstoß geben bedeutet, dass er in seinem Glaubensleben zu Fall kommt, z.B., indem er dadurch in eine Tattoo-Clique gerät, die vielleicht über diesen Körperschmuck hinaus andere Dinge treibt, die böse sind. Schließlich sollten wir uns immer fragen: Suche ich mit diesem Tun den Segen der Menschen, die mich umgeben? Ist es für sie eine Hilfe oder ein Hindernis, um gerettet zu werden. Ich bin sicher: Die Beantwortung dieser Frage ist für viele Herausforderungen praktischer Art eine klare Entscheidungshilfe.

Nachtrag

Was ist nun mit solchen, die sich in der Zeit, als sie ungläubig waren, ein Tattoo haben stechen lassen? Sie wissen, dass sie letztlich ihr gesamtes früheres Leben im Unglauben geführt haben – wie wir alle, als wir ungläubig waren. Sie haben Gott ihre Sünden bekannt – nach 1. Johannes 1,9 sind sie damit von jeder Ungerechtigkeit gereinigt. Vielleicht gewährt ihnen Gott gerade durch diese Tattoos eine ganz besondere Möglichkeit, mit früher Gleichgesinnten ins Gespräch über den Glauben zu kommen. Gott kann auch eine solche (frühere!) Tätowierung zum Segen einsetzen. Wir sollten als Christen also niemand ausgrenzen, auch keinen Gläubigen, der tätowiert ist. Wie leicht urteilen wir vorschnell, ohne zu wissen, wie eine solche Tätowierung zustande gekommen ist.

 

 

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