Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas

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Erinnerungen an eine autoritäre Religionsgemeinschaft

 

Titel: Mein Leben als Zeuge Jehovas

Bericht eines Aussteigers

Leittext innen: „Wo Zweifel ist, da ist Freiheit“ lat. Sprichwort

Verwendete Abkürzungen:

WTG = Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft. Das ist die deutsche Bezeichnung des Zweiges der US-amerikanischen Watch Tower Bible & Tract Society. Gegründet 1881 durch Charles Taze Russell, mit dem Hauptbüro in Brooklyn, New York. Jetziger Präsident: Milton G. Henschel. Deutscher Zweig: Selters/Taunus.

 ZJ = „Zeugen Jehovas“: Diese Benennung wurde den Anhängern der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung 1931 erstmals von der WTG vorgeschlagen. Auf dem Kongreß in Columbus (Ohio, USA) durch eine Resolution der Anwesenden offiziell angenommen. Zur Begründung wird auf Jes. 43,12 verwiesen.

 WT = „Der Wachtturm“, neben der Schwesternzeitschrift „Erwachet!“ und dem internen Instruktionsblatt „Unser Königreichsdienst“, das offizielle Organ der ZJ. Der WT erschien erstmals 1879, heute erscheint er 14tägig in 130 Sprachen. Durchschnittliche Auflage einer Ausgabe (1999): 22 328 000.

 Vorwort

 „Allein bin ich nichts; gemeinsam sind wir stark!“

Dieser Satz drückt haargenau das aus, was die sogenannten „Wir-Menschen“ empfinden. Diese Leute kommen mit ihrem „Ich“ alleine nicht zurecht. Sie brauchen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit das Dazugehören – zu einem Verein, einer Partei, einer Organisation – oder dergleichen. Dann sprechen sie voll Stolz von „unserer Gruppe“, unserer „Partei“, unserer „Bewegung“, unserer „Kirche“, unserer „Organisation“. „Gemeinsam sind wir stark, gemeinsam lösen wir alle Probleme“. Dieses Wohlgefühl sollte doch nicht wie eine Pflanze im Verborgenen blühen, davon muß einfach alle Welt erfahren. All die Einsamen, all die Verlorenen, was entgeht ihnen doch, wenn sie nicht unserer Bewegung angehören.

Zugehörigkeit erzeugt ein prima Gefühl. Diese Neigung beginnt schon in frühester Jugend. Schnell identifiziert sich ein Junge mit einem bestimmten Sportverein, ein Mädchen mit irgend einem Club. Auch viele politische Parteien hatten und haben dieses Bedürfnis der Menschen immer wieder für ihre Zwecke ausgenützt. Viele Menschen sehnen sich nach dem sprichwörtlichen „starken Mann“, der führt und diktiert. Eine breite Masse folgt mit Begeisterung. Die Führernaturen entlasten ihr Gewissen, indem sie alle Verantwortung auf die Mitläufer übertragen. Gibt es das nur in der Politik?

Nicht nur in der Gegenwart, auch in der Vergangenheit haben immer wieder religiöse Menschen verschiedenster Bekenntnisse erfolgreich versucht, das Potential der Gläubigen in ihre Institutionen hineinzulocken. Vielen „Gottsuchern“ kommt das sogar entgegen. Gemeinschaft zu pflegen ist etwas Schönes. Zugehörigkeit baut viele zwischenmenschliche Beziehungen auf. Bedenklich wird es dann, wenn die Gemeinschaft eine narkotisierende Wirkung auf die Mitläufer ausübt. Gemeinschaft kann eben aus diesem Grund gefährlich werden. Wird mit ideologischer Beeinflußung das selbständige Denken der Mitläufer beeinträchtigt, dann ist dies zumeist der erste Schritt zur Abhängigkeit. Richtig gefährlich wird es aber, wenn die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit blockiert wird.

Hier beginne ich nun, meine eigene Vergangenheit Revue passieren zu lassen, vom anfänglichen Mitmacher, der im Laufe der Zeit so etwas wie ein Mittäter wird. Zuerst wird man „verführt“, indem man eine völlig neue Sicht der Dinge bekommt, genießt dann eine sehr gute Ausbildung und danach wird man selbst zum perfekten „Verführer“. So ergeht es vielen Gläubigen in den verschiedensten Gruppen und Sekten. Zunächst wurde ich Opfer und dann Täter, ohne mir dessen bewußt zu werden, in – oder durch – die Organisation der Zeugen Jehovas.

Wie der harmonische Einstieg begann, wie ich viele liebe Menschen kennenlernte, wie ich mich 17 Jahre lang ziemlich geborgen fühlte, bis mir gewissermaßen „ein Licht“ aufging, soll auf folgenden Seiten von mir nacherlebt und  – erzählt werden.

Vorher noch eine Ergänzung: Mein freiwilliger Weggang von der Organisation der Zeugen Jehovas liegt nun schon einige Zeit zurück. Der Ausstieg erfolgte nicht aufgrund irgend eines Streites oder einer Auseinandersetzung mit meinen Mitbrüdern und -schwestern. Es waren vielmehr die vielen Hinweise und Warnungen in der Bibel, die mich zum Exodus aufriefen. Ein Verbleiben hätte in mir nur das Gefühl einer Mitschuld verstärkt. Ich wollte künftig keine Kräfte unterstützen, vor denen der Sohn Gottes eindringlich warnt!

Durch Kontakte mit vielen ehemaligen Zeugen Jehovas – vor allem in Deutschland – hat sich inzwischen eine Selbsthilfegruppe gebildet. In dieser fand ich neue Geborgenheit und ein ehrenamtliches Betätigungsfeld.

Aussteigerforen im Internet, ersteres vornehmlich von Ex-Zeugen gestaltet, die in der Zwischenzeit Agnostiker, bzw. Atheisten wurden:

http://www.sektenausstieg.net/

http://www.razyboard.com/system/user_gachenmaus.html

Nachfolgende Analyse der Wachtturm Organisation erfolgte nicht nur aus dem Blickwinkel der Vergangenheit. Aktuelle Bezugnahmen auf das „neue Licht“ dieser Gemeinschaft soll belegen, daß der autoritäre Kurs schon vor etwa 80 Jahren seinen Anfang nahm und in der Folgezeit konsequent fortgesetzt und erweitert wurde. Vielleicht empfindet mancher Anhänger anderer Gruppen, daß er ebenso manipuliert wurde oder noch wird.

Hüter der Wahrheit?

Man kennt sie. Sie stehen gerne an öffentlichen Plätzen, vor U-Bahnstationen oder Bahnhöfen. Wortlos bieten sie ihre religiösen Hefte an. Dort werden sie von den Menschen meist ignoriert, manchmal belächelt. Das macht ihnen jedoch nichts aus, denn sie haben routinemäßig schon längst eine „dicke Haut“ bekommen. Vielen Menschen gehen sie auf die Nerven, wenn sie Sonntag morgens, zu „nachtschlafener“ Zeit, an ihren Türen klingeln. Wenn beim Streitgespräch auch noch der Sonntagsbraten anbrennt, ist auch die letzte Bewunderung für das mutige Predigervolk dahin. Am liebsten würden die Leute diese „Hausierer“ die Treppe hinunter werfen. Meist reagieren die Wohnungsinhaber jedoch nur verbal, alles andere als freundlich. Da denken diese Prediger aber sofort an den Satz des Mannes aus Nazaret: „Haben sie mich verfolgt, dann werden sie auch euch verfolgen“. Daher empfinden sie jedes Schimpfwort gegen sie wie ein Lob von höchster Stelle. Lob mögen sie sehr. Kommt das nicht von oben, dann loben sie sich gerne selbst. In einer ihrer Schriften stellen sie sich selbst das Prädikat „einzigartig“ aus. So etwas hilft über viele Klippen der Anpöbelungen hinweg. Ihren Kollegen – den Brüdern und Schwestern – geht es weltweit genauso. Auf den großen Kongressen treffen sie einander. Da umarmen sich Schwarze und Weiße, Juden und Araber. Ihr „Grüß Dich!“ ist immer herzlich, das Lächeln kaum erzwungen. Eine heile Welt?

Genauso glücklich wie die Zeugen Jehovas sind auch die Gläubigen in anderen kleinen Gruppen, die von Außenstehenden als „Sekten“ bezeichnet werden. Keiner innerhalb dieser Gruppen hat jemals das Empfinden, in einer „Sekte“ zu sein. Für Zeugen Jehovas sind nur alle anderen Gemeinschaften „Sekten“. Sie selbst haben das Gefühl, ein Teil von „Gottes Organisation“ zu sein. Darauf sind sie stolz.

In ihrer Paradezeitschrift „Der Wachtturm“ – gewissermaßen ihr „Amtsblatt“ – werden ihre Erfolge immer penibel aufgelistet. In der Februarausgabe 2005 wird eine „Verkündigerzunahme“ von weltweit 2,0 % ausgewiesen. Insgesamt ergeben sich daraus 6.513.132 Anhänger.

Ein Statistiker hat ihre Ziffern für Deutschland durchleuchtet. Demnach gab es in den letzten Jahren einen Rückschritt. Dieser ist aber winzig, ein Minus von 0.39 %; das wird ihnen nicht weh tun. Trotzdem gibt das zu denken, die Zunahmen der letzten Jahre sind gestoppt. Eine Trendwende? Die 165.201 „Verkündiger“ in Deutschland werden in ihren Versammlungen künftig noch besser geschult und angeleitet werden, das Manko wieder wettzumachen.

Wie kommen sie bei den etablierten Kirchen in Deutschland an? Für die über 27 Millionen Mitglieder der Evangelischen Kirche und den etwa gleich vielen Katholiken sind sie ein Dorn im Auge. Besonders ihre aggressive Werbestrategie bereitet den großen Mitbewerbern Kopfzerbrechen.

Die Zeugen fügen ihnen gerne Wunden zu. Nach meinem Weggang von dieser Organisation wurde ich in einem Ausbildungszentrum für katholische Geistliche gefragt, was denn die Zeugen so sehr an den Kirchen erregt. Meine Antwort war der Standardtext, den ich als Zeuge an den Türen gerne zitierte. Jesus Christus in Johannes 13,35: 

Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. (Joh 13,35)

Dann kurzer Hinweis auf die Verwicklung der Kirchen in den großen Kriegen der Vergangenheit, Jünger gegen Jünger. Diese Hinweise verfehlen ihre Wirkung nicht. Auch die genannten Katholiken nickten mir beifällig zu.

Zahlreiche „Bibelforscher“ sind im ersten Weltkrieg auch noch zu den Waffen geeilt, das habe ich an den Türen nie erwähnt, denn ich wusste es nicht. Das wird in „Jehovas Organisation“ in der Regel verheimlicht, wie vieles andere was die eigene Vergangenheit angeht. Daher ist es wichtig, zuerst einmal einen Blick dorthin zu tun. 

Historischer Rückblick

Fragt man einen Zeugen Jehovas, wie seine „theokratische Organisation“ geleitet wird, so antwortet er in der Regel etwa so: „Jehova selbst leitet sie durch Jesus Christus. Dieser aber bedient sich – seit den Tagen der Urkirche – einer leitenden Körperschaft (l. K.). Zwar endete diese theokratische Form der Führung seit dem Ableben der Apostel, doch seit der Wiederentdeckung „biblischer Grundwahrheiten“ durch C. T. Russell, den Gründer und ersten Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft (WTG), wird Gottes Volk wieder durch eine leitende Körperschaft „theokratisch“ geführt.“ Woher nimmt der Zeuge Jehovas diese Überzeugung? Sie wurde ihm seit seiner Unterweisung im Heimbibelstudium durch die Wachtturm-Schriften immer und immer wieder in der einen oder anderen Form nähergebracht, z. B. in der Ausgabe des Wachtturms (WT) vom 1.April 1977, Seite 206-208. Nachdem der WT zu zeigen versuchte, daß es schon in der Zeit der frühen apostolischen Gemeinden eine leitende Körperschaft gab, behauptet er ihre Wiedereinführung seit den Tagen C.T. Russells und ihr Fortbestehen über die Ära von Rutherford und der Präsidentschaft von N. H. Knorr hinaus:

 „In den vergangenen Jahren war die leitende Körperschaft der Klasse des ‘treuen und verständigen Sklaven’ stets eng mit der als Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania bekannten Körperschaft verbunden. Diese Körperschaft, die im Jahre 1884 zum erstenmal gesetzlich eingetragen wurde, kümmert sich um die wichtigsten Angelegenheiten der Zeugen Jehovas in der ganzen Welt. Ohne Zweifel war ihr erster Präsident, C. T. Russell, in der Zeit, in der den biblischen Grundwahrheiten unter Gottes treuen Anbetern auf der Erde wieder Geltung verschafft wurde, ein besonderes Werkzeug Jehovas. Dann, in den Jahren 1917 bis 1942, diente J. F. Rutherford als Präsident, und er kämpfte mutig gegen die Bemühungen der Christenheit, Gottes organisiertes Volk in Verruf zu bringen und es zu vernichten. Im Jahre 1942 setzte N. H.Knorr, der damalige Präsident der WTG, tatkräftig einen weltweiten biblischen Erziehungsfeldzug in Gang. Die administrative Tätigkeit dieser treuen Männer und ihrer Mitarbeiter in der leitenden Körperschaft der Zeugen Jehovas ist von Jehova wunderbar gesegnet worden.“ (WT, 1.4.1977, S. 207, Abs.15).

Also: Russell, Rutherford, Knorr und Franz - jeweils in ihrer Zeit – Mitarbeiter in der leitenden Körperschaft? Grau, sagt man, ist alle Theorie. Es stellt sich nun die Frage: Wie sieht die Wirklichkeit aus?

Definition des Sektenbegriffs durch C.T. Russell

Solange eine Gruppe klein ist, kann sie auf feste Strukturen verzichten. Da treffen sich die Anhänger noch ganz zwanglos. Werden „göttliche“ Ziele – wie bei der WTG – angestrebt, dann kommen Aufgaben auf die einzelnen Sympathisanten zu. Funktionen werden übernommen, Funktionäre werden geboren. Zusammenkünfte müssen organisiert, Treffpunkte festgelegt, Räume gemietet werden. Redner halten Ansprachen, es wird gesungen und gebetet, kurz: eine Organisation ist entstanden. Es wird geplant und organisiert, Aufgaben werden zugeteilt. Das alles ist nichts verwerfliches. Auch der WTG kann niemand das Recht absprechen, eigene Meinungen zu haben, sie zu äußern oder drucken zu lassen. Kommen in Programmen und Zielen jedoch fragwürdige Erklärungen vor, dann sollte Mißtrauen einsetzen. Etwa die unqualifizierten Beweise für eine alleinige Führung durch Gott Jehova. Wer selbst Kriterien für seine Legitimation festlegt, macht sich verdächtig, in Vermessenheit zu behaupten von Gott legitimiert zu sein. Wer das tut, muß sich gefallen lassen, besonders kritisch unter die Lupe genommen zu werden. Wenn Exegesen und Verständnisfragen – nicht das ausdrückliche Wort Gottes – zu Prüfsteinen werden, an denen sich die Echtheit christlicher Nachfolge entscheidet, dann ist die Gruppe unweigerlich zur „Sekte“ geworden. Daher ist die Definition Russells zum Begriff Sekte sehr aufschlußreich. Es folgen Zitate aus seinem Buch „Dein Königreich komme“, 1904, S. 173.

Da heißt es einleitend, daß „jedermann der sich irgendeiner dieser menschlichen Organisationen anschließt“ auch deren Glaubensbekenntnis als das seine annimmt. Damit beginnt eine „freiwillige Knechtschaft und sie lassen andere für sich denken“. Wenn sie das nicht tun wollen, müßten sie aus der Sekte wieder austreten. Das erfordert jedoch „Gnade und kostet einige Anstrengungen“. Die in der Sekte sagen dann von diesem, er sei ein „Verräter oder Unbeständiger“. Dann schreibt er wörtlich:

Er geht weiter ins Detail und spricht von „Fesseln und Ketten“ derer sich das Sektentum bedient.

Wie würde Russell rückblickend – er starb 1916 – seine eigenen Schriften und die Struktur „seiner“ heutigen Gemeinschaft beurteilen? Diese sitzt am hohen Roß und genießt eine Ausnahmestellung, sie sind sogar „einzigartig“, laut WT vom 15.1.1992, S. 24:

JEHOVAS ZEUGEN sind in vielerlei Hinsicht einzigartig. Nur sie sprechen die „reine Sprache“ (Zephanja 3:9). Nur sie bilden eine Einheit und weisen das Unterscheidungsmerkmal auf, das Jesus Christus beschrieb: die Liebe (Johannes 13:35). Und nur sie genießen die Freiheit, die gemäß den in Johannes 8:32 aufgezeichneten Worten Jesu Christi die Wahrheit mit sich bringt.

„Nur sie…“, solche Sätze sprechen für sich. Traurig ist nur, daß dies von WT-Artikelschreibern und dem Großteil ihrer Leserschaft geglaubt wird. Ich gehörte einige Jahre auch zu solch „Gläubigen“…

Zurück zum besonderen Jahr 1914. Was „prophezeite“ Russell:

Für Russell stand fest: bis 1914 läuft das „christliche Zeitalter aus“ und dann findet die Schlacht Gottes, „Harmagedon“ (aus Offenbarung 16), statt. Wir wissen heute, daß nichts zutraf. In keinem der Bücher Russells, kündigte er etwa einen weltlichen Krieg an, von einem „Weltkrieg“ ganz zu schweigen. Wie reagierte Russell und wie seine Nachfolger?

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Der „falsche Prophet“ muß gestehen

Als 1914 nichts geschah, was Russell in seinem Wunschdenken erhoffte, sah er sich gezwungen klein beizugeben. Aber man beachte nun die Art des „Rückziehers“. Im Vorwort der Neuauflage seines Buches „Die Zeit ist herbeigekommen“ (Ausgabe 1926, S. 7), mußte der „Prophet“ bekennen:

Anstelle einer offenen und ehrlichen Entschuldigung für die falschen Voraussagen, wurde mit beispielloser Unverfrorenheit das Fiasko in einen Gottessegen verkehrt! Gibt es im Bibelbericht irgendwo einen Hinweis, daß Gott (Jehova) sich irgendwelcher Falschvoraussagen bedient, um sie dann in einen „Segen“ für sein Volk zu verwenden?

Jesaja 5:20-21: Wehe denen, die sagen, daß Gutes böse sei und Böses gut sei, denen, die Finsternis als Licht hinstellen und Licht als Finsternis, denen, die Bitteres als Süßes hinstellen und Süßes als Bitteres! Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sogar vor ihrem eigenen Angesicht verständig!

Ist die heutige WTG ehrlicher als Russell? 

Sind die Nachfolger Russells aufrichtiger, oder zumindest klüger geworden? Man beachte wie die WTG die Ereignisse um 1914 heute darstellt. Auszug aus dem Jahrbuch der ZJ 1974, S. 79:

Der bis dahin mörderischste Krieg der Menschheitsgeschichte war ausgebrochen, ein Krieg, den Historiker zum erstenmal als einen „Weltkrieg“ bezeichneten. Für viele kam der Krieg wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und genauso plötzlich wurden die Spötter zum Schweigen gebracht… Sie [die „Bibelforscher“] hatten diese Ereignisse erwartet, ja nicht nur das, sie hatten sie im Auftrage Jehovas anderen angekündigt… Die Zeitungen triumphierten schon und brachten einen Schmähartikel nach dem anderen über die wahrhaft Gläubigen, die für 1914 den Weltuntergang prophezeit hatten. Damals standen wir in einem heftigen Kreuzfeuer. Aber durch Gottes Güte und Macht vermochten wir allen Anfeindungen zu widerstehen… Nun waren wir in den Augen unserer Gegner auf einmal die größten Propheten geworden.

Da werden in der WTG aus falschen, plötzlich die „größten“ Propheten, wie ist das nur möglich?

Die Frage nochmals gestellt: sind die Nachfolger Russells wenigstens klüger geworden? Sein unmittelbarer Nachfolger als Präsident der WTG, der „Richter“ Rutherford, blieb jedenfalls im gleichen Fahrwasser. Auch er war ein „biblischer Rechner“, natürlich mit Fehlresultaten.

Beginn der autoritären Struktur

An die Stelle der von Russell betonten „freiwilligen Vereinigung“, in der es „keine gebietende Autorität geben sollte“ (weil das ja doch nur „nach Art und Weise der Welt geschehen würde“), trat nun die vom „Richter“ straff geführte „theokratische Organisation“, nach Art und Weise dieser Welt. Zu dem Zweck setzte die WTG seit 1922 den gewählten Ältesten in den Versammlungen jeweils einen „Erntewerksvorsteher“ vor die Nase. Diesem stellte sie einen Bücherverwalter und einen Kassenführer zur Seite. „Auf diese Weise hat jede Versammlung stets einen kompetenten Vertreter der Gesellschaft in ihrer Mitte“, räsoniert der WT von 1922, Seite 143. Von nun an wird natürlich nicht mehr demokratisch gewählt, sondern „theokratisch“ eingesetzt, „von oben nach unten“.

„Die Versammlung schlägt vor, und das Bibelhaus wählt. Der Erntewerksvorsteher verbleibt solange in diesem Dienste, als das Bibelhaus ihn darin beläßt“ (WT 1923, S. 239).

Wie jeder ZJ weiß, nahm „die Gesellschaft“ den Versammlungen später auch noch das Recht, selber die Vorschläge zu unterbreiten. Statt dessen besorgt dies bis auf diesen Tag der „Beauftragte der Gesellschaft“, der Kreisaufseher, anläßlich seiner „Dienstwoche“, die er in der Orts-Versammlung durchführt. Doch eine perfekte Diktatur kann sich nicht mit organisatorischen Änderungen begnügen; vielmehr sucht sie auf Gesinnung und Glauben der einzelnen unmittelbar Einfluß – und Macht – auszuüben. Darum konnten vom Jahre 1926 an, die im Auftrag der WTG reisenden Beauftragten, damals noch „Pilgerbrüder“ genannt, nicht mehr frei entscheiden. In ihren Rundschreiben „an alle lieben Pilgerbrüder“ vom 22.9.1926, spricht Rutherford sogar von einer Forderung.

„Weil unsere verschiedenen direkten und indirekten Bitten in der Vergangenheit nicht beachtet wurden… Unsere Forderung, liebe Brüder, ist nicht mehr und nicht weniger, als daß alle Pilgerbrüder sich ohne Ausnahme bei ihren Ausführungen immer mehr an den Stoff, wie er im Wachtturm gebracht wird, halten möchten.“

Somit ist das heutige „Wachtturmstudium“ das Werk des Diktators Rutherford! Bis heute gilt auch bei den Zeugen Jehovas als Dauerregel, was der damalige Rundbrief den „lieben Pilgerbrüdern“ mehr fordernd als fördernd ans Herz legte. Sie seien: „nicht dazu da, eigene Auslegungen zu bringen, sondern ihre vornehmste Aufgabe ist, den Geschwistern zu helfen, die Darlegungen des Wachtturms zu verstehen. Alles aber, was sich auf entgegengesetzten Bahnen bewegt oder meint, Dinge bringen zu müssen, die dem Wachtturm voraus sind, ist eine Gefahr und kann nur dazu beitragen, die Geschwister zu beunruhigen…“

Und die Begründung für diese Festlegung auf die eine Quelle der Wahrheitsfindung? Sie lautet in dem Rundschreiben:

„Das Werk des Herrn ist ein Ganzes, und die Belehrungen, die der Herr seinem Volke gibt, kommen aus einer Quelle, dem Wachtturm“

Hatte Russell noch erklärt, die Kirche werde dereinst (nämlich nach ihrer Verherrlichung bei Jesu Wiederkunft!) „mit Macht bekleidet“ und  d a n n  „keine Republik, sondern ein Königreich sein“, keine Demokratie, sondern eine Theokratie, so wollte Rutherford dies alles schon hier und jetzt. Der Gipfel seiner Herrschaftsansprüche findet sich in der Zeitschrift „Consolation“ (Trost), dem heutigen „Erwachet!“, vom 4.9.1940, wo es auf Seite 25 heißt:

Die Theokratie ist die verheißene Administration der Angelegenheiten der Erde durch Jehova Gott, den Schöpfer, durch den für diesen Zweck gesalbten König, Christus Jesus. Jene Theokratie ist jetzt auf Erden in Funktion. Die Theokratie wird in der Gegenwart geleitet durch die WATCH TOWER BIBLE AND TRACT SOCIETY, von der Richter Rutherford der Präsident und Chefmanager ist!

Die Gesellschaft und ihr Präsident! Doch von einer leitenden Körperschaft fehlt immer noch jede Spur. Auf der gleichen Seite dieser Zeitschrift erscheint eine Besprechung des damals gerade neu erschienenen Buches Rutherfords: „Religion“, in dem der Autor „die Botschafter der Theokratie“ aufruft:

Die theokratische Regierung marschiert triumphierend voran. Tu deinen Anteil daran mit Freuden!

Spätestens an dieser Stelle, kann man den Einwand heutiger ZJ hören:

„Was redet ihr so viel von den Entwicklungen damals, als ja das ´Licht´ noch nicht so hell sein konnte. Entscheidend ist doch, daß Jehovas Zeugen  h e u t e  eine leitende Körperschaft haben, die das Werk Gottes auf Erden leitet.“

Eine leitende Körperschaft heute? Was ist denn nun anders geworden seit der Präsidentschaft Russells und Rutherfords? Man könnte meinen, mit den im WT vom April 1977 angekündigten Neuerungen sei eine Wandlung – von der Präsidialdiktatur zu einer Art kollektiver Führung – eingetreten. Damals hob der WT vor allem dies hervor:

Um dem Bedürfnis nach weiterer Ausdehnung gerecht zu werden, wurde im Jahre 1971 die Zahl der „älteren Männer“, die als leitende Körperschaft dienten, von sieben [das sind die Direktoren der Watch Tower Society] auf insgesamt elf erhöht.

Die damalige zahlenmäßige „Aufstockung“ des Wachtturm-Direktoriums bedeutete keine wirkliche Abkehr von der Alleinherrschaft des WTG-Präsidenten. Ab sofort hatte der „Richter“ alle Schäfchen gut im Griff.

Weitere „biblische“ Voraussagen

Es wurde ab 1916 fast jedes nachfolgende Jahr mit irgend einer Verheißung „bemüht“, aber Rutherfords denkwürdigstes Jahr ist 1925. Zunächst war 1918 vergangen, es erfüllte sich nicht das vorausgesagte „göttliche Gericht“. Auch 1920 wurden keine Königreiche und Republiken „durch Revolution und Anarchie verschlungen“, wie weltweit prophezeit. Dafür kommt 1925, oder davor, „die große Krisis“. Der WT vom Januar 1923, S. 15:

Die „Beweise“ waren nun keineswegs mehr so dürftig wie früher, sondern 1925 ist in der „Schrift“ (der „Heiligen“ wohlgemerkt!) noch deutlicher angezeigt, so hieß es immer wieder. 1920 schrieb Rutherford eine Broschüre mit dem verheißungsvollen Titel: „Millionen jetzt lebender Menschen werden nie sterben“. Solche Aussagen sprechen viele Sterbliche an und hatten entsprechende Wirkung. Darin (S. 80) kommt es ganz dick:

1925 würden also treue Männer des A.T. und andere „Würdige“ zur Erde – durch Auferstehung – zurückkehren. Das wurde den Anhängern weis gemacht. 

Die WTG-Spitze glaubt an ihre eigene Botschaft

Hier erhebt sich schon die Frage, glauben denn diese Leute was sie sich ausdenken? Diese Frage stellte ich einmal den ehemaligen „Zweigaufsehern“ der WTG von Österreich, sowie von Belgien/Luxemburg – Walter Voigt und Maurice Fleury. Beide gaben spontan die Antwort, daß sowohl Russell und Rutherford, wie auch die späteren Präsidenten der WTG, an ihre „Sendung“ glauben.

In den 1920er Jahren machte sich Rutherford echte Sorgen, wo die zu erwartenden Auferstehenden künftig wohnen werden. Deshalb kaufte er (natürlich nicht von seinem Geld) eine große Villa für Abraham und die anderen „alttestamentlichen Überwinder“ – klarerweise in USA – wo denn sonst? Da gab es natürlich Spott von außenstehenden Beobachtern. Aber diese würden sich gehörig täuschen – meinte er in seinem Buch „Die neue Welt“, S. 104:

Andere Christen wurden damals geringschätzig als „Religionisten“ bezeichnet. Diese würden mit den „Zähnen knirschen“, dachten der selbsternannte Prophet. Vielleicht ist diesen „Religionisten“ nach der neuerlichen Pleite, jedes Lächeln vergangen, war das ganze doch eher zum Weinen. Wie mir ZJ-Augenzeugen berichteten, sind viele Bibelforscher damals in schwarzer Kleidung zu den Friedhöfen gepilgert, um dabei zu sein wenn die „Alten“ auferstehen. „Abrahams Villa“ diente später Rutherford als Heimstätte. Weder Abraham noch Isaak leisteten ihm dort Gesellschaft. Fleury erzählte mir, daß sich nach dem Tode Rutherfords, in den 1940er Jahren, der Verkauf der Villa äußerst schwierig gestaltete. Der Grund? Im „weltlichen“ Grundbuch waren als Eigentümer nämlich Abraham & Sohn eingetragen… 

Wie die WTG falsche Prophezeiungen verarbeitet

Wie wurde das Problem solcher „Altlasten“ später aufgearbeitet? Im Jahrbuch der WTG 1980, S. 63 druckten sie Sequenzen ab, die für sich sprechen:

Ein Anzeichen für diese Prüfung war eine Fragestunde, die Bruder Rutherford auf einem Kongreß in Basel abhielt, der vom 1. bis 3. Mai 1926 stattfand. In dem Bericht über diesen Kongreß hieß es:

„Frage: Sind die Alttestamentlichen Überwinder schon auferstanden?

Antwort: Sicherlich sind sie noch nicht auferstanden. Niemand hat sie gesehen. Es wäre töricht, eine gegenteilige Behauptung aufzustellen. Im Millionen- und Trostbüchlein wurde gesagt, daß man sie vernünftigerweise kurz nach 1925 erwarten dürfe. Aber dies wurde nur als Meinung ausgesprochen.“

Man hatte einen Fehler gemacht, doch wie Bruder Rutherford erklärte, war dies kein Grund, aufzuhören, dem Herrn zu dienen. Einige taten dies dennoch, und so gab es in dieser Zeit weitere Sichtungen im französischen Gebiet.

Zuerst sind es „Tatsachen“, die später – siehe oben – in eine „Meinung“ umgewandelt wird. Dazu kam noch der „Vorteil“, daß gleich eine „Sichtung“ erfolgen konnte. Also hinaus mit allen Kritikern! Daß dabei mit Menschenschicksalen jongliert wurde, sei nur am Rande bemerkt. Es ist überhaupt ein Wunder, daß in der heutigen aufgeschlossenen Zeit, solche Gemeinschaften am Leben bleiben können und nicht sofort wieder von der Bildfläche verschwinden.

 

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