Luther und seine Krankheiten

Luther und seine Krankheiten Drehschwindel, Erbrechen und Schweißausbrüche

von Franz Kadell

Zu Luthers Zeit waren – das gilt auch für die anderen Krankheiten – keine zutreffenden Diagnosen und somit auch keine brauchbaren Therapien möglich. Der 2014 verstorbene ärztliche Direktor der Berliner Charité und Medizinhistoriker Hans-Joachim Neumann hat erst vor gut 30 Jahren nachgewiesen, rund 450 Jahre nach Luthers Tod, dass Luther schwer an der Menièreschen Krankheit litt.

Was ist die Menièresche Krankheit? Der französische Arzt Prosper Menière hatte 1861 eine Erkrankung des Innenohrs, des Gleichgewichts- und Hörorgans beschrieben (Morbus Menière), die ganz plötzlich mit langen Drehschwindelanfällen auftritt, verbunden mit unstillbarem Erbrechen und mit Schweißausbrüchen. Bis dahin hatte man die Krankheit für eine Hirnkrankheit gehalten.

Die spätere Forschung bestätigte, dass sich bei Menière-Erkrankten Lymphflüssigkeit in Teilen des Gehör- und Gleichgewichtsorgans staut. Die Mediziner sprechen von "Endolymphatischer Hydrops". Die Krankheit führt häufig zu Innenohrschwerhörigkeit und Tinnitus. Wer einmal einen Ausbruch mit allen Begleiterscheinungen erlitten hat, lebt in ständiger Angst vor einer Wiederholung. Selbst robuste Menschen können darüber depressiv werden. Die heutige Medizin ist überzeugt, dass auch Stress eine wichtige Rolle spielt.

"Heftiges Kopfweh und Ohrensausen"

Martin Luther als Mönch, Kupferstich von Lucas Cranach d. Ä., 1520 - Zu Luthers Zeiten als Augustinermönch machten sich die ersten Symptome der Menièreschen Krankheit bemerkbar. Bildrechte: Wartburg-Stiftung Eisenach

Erste Symptome dieser Krankheit machten sich bereits 1511 auf Luthers Rückreise aus Italien bemerkbar. Der Augustiner-Mönch war Ende 1510 mit einem Ordensbruder nach Rom geschickt worden, um in einem Richtungsstreit des Ordens eine höchste Entscheidung einzuholen. Mitten im Winter zu Fuß die Alpen zu überqueren, und das bei Einhaltung der strengen Fastenregeln, war auch für einen 27-Jährigen gesundheitlich eine Herausforderung.

In den vielen Biographien ist hauptsächlich von Luthers Erkrankung auf dem Hinweg in Oberitalien die Rede. Offenbar handelte es sich um einen fiebrigen Infekt ohne Folgen. Viel wichtiger ist in der Rückschau Luthers Bemerkung, auf der Rückreise habe ihm "heftiges Kopfweh und Ohrensausen" zu schaffen gemacht. Das waren erste Symptome der Menièreschen Krankheit, die später zunahmen und Luther für den Rest seines Lebens plagten.

Ein paar Schlaglichter: Als Luther 1527 einen schweren Anfall mit Drehschwindel und starkem Ohrensausen erlitt, musste er eine Predigt abbrechen. Erst Wochen zuvor hatte er zum wiederholten Male einen Ohnmachtsanfall und kurz darauf einen Angina-pectoris-Anfall. In dieser Zeit plagte Luther die Angst, seine letzte Stunde könnte nahe sein.

Als 1530 der Reichstag zu Augsburg stattfand, musste Luther das Geschehen von der Veste Coburg aus beobachten, weil er unter Acht und Bann stand, Coburg jedoch zum Gebiet seines Beschützers gehörte, des Kurfürsten von Sachsen. Das Ohrensausen war inzwischen beidseitig, nicht nur links. Ständig war ihm schwindlig. Wegen des anhaltenden Brausens im Kopf gingen ihm alle Geräusche wie das Krächzen der Dohlen und das Stimmengewirr auf dem Burggelände fürchterlich auf die Nerven. Obendrein macht ihm sein offenes Bein zu schaffen.

https://www.mdr.de/reformation500/luther/luther-krankheiten-drehschwindel-erbrechen-schweissausbrueche-refjahr-100.html

 

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