Kann ein Christ noch sündigen?

Überarbeiteter Text, April 2017

Kann ein Christ noch sündigen?

Autor: Norbert Lieth

Vorwort:

Heisse Eisen sind unangenehm. Vor ihnen scheut man sich. Nach Möglichkeit möchte man die Finger von ihnen lassen, man kann sich sonst leicht verbrennen. Geht man aber in fachgerechter Art und Weise mit ihnen um, können sie sehr von Nutzen sein. Sie werden zu Stahlträgern, auf denen Gebäude und schwere Lasten ruhen, sie dienen als Verbindungen und zum Halt von Elementen.

Die Bibel ist uns von Gott als ein Buch gegeben, das Heisses Eisen anpackt. Sie berührt auch die heissesten Stellen in unserem Leben. Sie packt an, um zu formen. Sie deckt auf, um durch die Vergebung wegzunehmen. Sie rüttelt auf, um zu festigen.

Wer es wagt, sich dem Worte Gottes bedingungslos auszusetzen und auch die Punkte in seinem Leben anpacken zu lassen, wogegen sich von Natur aus alles sträubt, der wird auch den ganzen Segen erfahren. Dieser Segen wird befreiende Auswirkungen haben; er wird im persönlichen Leben, in der Ehe, Familie und Gemeinde festigen. So sind schon viele zu geistlichen Trägern bzw. Säulen geworden.

Mit diesem Buch Heisse Eisen werden bestimmt nicht alle, aber doch manche heiklen und umstrittenen Dinge angesprochen. Es wird sicherlich einige Gemüter aufwühlen, in anderen Widerspruch bewirken, aber für viele hoffentlich auch ein willkommener Anstoss sein zum weiteren, eigenen Studium der Schrift. Es ist mit der Bitte und dem Gebet geschrieben worden, auch seelsorgerliche Hilfestellung zu leisten, Sicherheit und Antwort zu geben auf Fragen, die in den Herzen vieler Christen bewegt werden.

Auch möchte ich darauf hinweisen, dass ich bei den Erläuterungen zu den einzelnen Themen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Sicherlich könnte das eine oder andere noch ausführlicher behandelt werden. Die Kapitelfolge entspricht der Botschaftenreihe, wie ich sie in der Zionshalle in Dübendorf/Zürich hielt.

Alle Bibelstellen wurden aus der Schlachter Version 2000 wiedergegeben. Hervorhebungen in fetter Schrift sind von dem Autoren.

Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde; denn Sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. (1.Johannes 3,9)

Anmerkung: wenn Gott sagt, jeder der aus dem Samen Gottes geboren ist, der kann nicht Sündigen. Das bezieht sich auf dem inwendigen (vgl. 2Kor 4,16) wiedergeboren neuen Menschen. Das Fleisch, wo der inwendige wiedergeboren wohnt, der kann noch sündigen. Wenn ich aber Sündig, dann habe ich einen Fürsprecher (vgl. Joh 14,16; 1.Joh 2,1-2; Röm 8,34; Hebr 7,25)

Wir wissen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt; sondern wer aus Gott geboren ist, der bewahrt sich selbst, und der Böse tastet ihn nicht an. (1.Johannes 5,18)

Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt! Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten; und er ist das Sühnopfer für unsere Sünden, aber nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. (1.Johannes 2,1-2)

Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. (1.Johannes 1,8-10)

Warum gehört dieses Thema zu den «Heissen Eisen»? Weil in manchen christlichen Kreisen die sogenannte Vollkommenheitslehre vertreten wird, die besagt, dass ein Christ unmöglich noch sündigen kann. Entspricht das wirklich der biblischen Lehre der Heiligen Schrift?

Wir möchten klärend dazu einige Dinge anführen:

1. Die Lehre von der Vollkommenheit kann einen Christen entweder in geistlichen Hochmut führen (und das ist ja schon Sünde; solche Menschen behaupten dann stolz, wie lange sie schon nicht mehr gesündigt haben), oder aber:

2. Kann diese Verkündigung das Gegenteil bewirken. Sie führt in den Absturz, in einen unerträglich werdenden psychischen Druck. Wenn ein junger Christ in den Sog dieser Lehre gerät, aber aufrichtig genug ist zu erkennen, dass er dieser Lehre nicht entspricht, weil er immer wieder Sünde in seinem Leben erkennt, kann er daran zerbrechen. Er kann dadurch seine Heilsgewissheit verlieren und vor Kummer krank werden. So wird er niemals zur Freiheit eines wahren Christenmenschen durchdringen.

Menschen, die dieser Lehre unterworfen sind, können heute «himmelhoch jauchzend» und morgen «zu Tode betrübt» sein.

3. Eine allgemeine Gefahr für uns alle besteht darin, die Bibel nur von einer Seite aus zu betrachten. Sobald wir aber eine Lehre aufstellen, die sich nur auf einzelne Bibelstellen gründet und den Gesamtzusammenhang der Heiligen Schrift außer acht lässt, tun wir bereits den ersten Schritt zur Irrlehre (Sektierertum).

Wir wollen nun versuchen, der Frage nachzugehen, was die Bibel im Gesamtzusammenhang über Sünde bei einem Christen lehrt. Dabei ist es ganz wichtig, dass wir zwischen  Stellung und Zustand des Christen unterscheiden.

I. Was lehrt die Bibel über Stellung und Zustand des Christen?

1. Stellung und Zustand der Vollkommenheit:

Und ihr seid zur Fülle gebracht in ihm, der das Haupt jeder Herrschaft und Gewalt ist.  (Kolosser 2, 10; vgl. 1Kor 1,30; Joh 10,10; Ps 23,1; Eph 1,19-20; 1Pt 3,22)

Nicht daß ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre; ich jage aber danach, daß ich das auch ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. (Phil 3, 12)

In den beiden vorhergehenden Versen widerspricht sich die Bibel nicht etwa, sondern sie redet von zwei verschiedenen Dingen, nämlich von Stellung und Zustand. Und wenn wir das vor Augen haben, sehen wir diese Aussagen in einem ganz anderen Licht. Unsere Stellung in Christus ist vollkommen, aber in Bezug auf den Wandel (Zustand) jagen wir der Vollkommenheit nach.

a) Der Stellung nach stehen wir hier vor der ganzen Größe Golgathas; vor dem, was wir in Christus geworden sind. Im Wert Seines Werkes für uns und im Blick auf Seine Person ist jeder wiedergeborene Christ von Anfang an vollkommen (wohlgemerkt: der Stellung nach). Durch den Tod und die Auferstehung Jesu befindet sich jeder Christ in einer vollkommenen Stellung vor Gott, der nichts mehr hinzuzufügen ist. Gott sieht uns durch Jesus Christus und Jesus ist der Vollkommene.

Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden. (Hebräer 10, 14; vgl. Hebr 10,10; 9,12.28; Eph 5,27)

Wir sind nicht nur heute, sondern auch morgen und für immer vor Gott in Christus vollkommen. In diesem Vers kann man nichts mehr hinzufügen, Jesus hat uns für immer vollendet und geheiligt, ein für allemal!

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden!  (2.Kor 5, 17; vgl. Röm 7,6; Offb 21,5; Röm 8,1; Eph 2,10; Gal 6,15)

Die Heiligkeit und Vollkommenheit eines Christen der Stellung nach ist keine werdende, sondern eine gewordene. Hier ist kein Wachstum oder Fortschritt möglich und darum auch kein Unterschied untereinander. Das schwächste und unerfahrenste Kind Gottes ist der Stellung nach genau so vollkommen vor Gott wie der Apostel Paulus. Eben weil wir der Stellung nach nur in Christus gesehen werden und wir in Ihm, durch Ihn und mit Ihm vollkommen sind.

Und ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in Wahrheit.  (Joh 17, 19; vgl. Hebr 10,5-10; Joh 17,17)

Unsere Heiligung ist Jesus Christus. Er ist der HERR aller HERREN & König der Könige! Kann man noch heiliger werden? Unmöglich!

Jesus ist uns von Gott, dem Vater, zur Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung gemacht (vgl. 1. Kor. 1, 30; vgl. Joh 1,16; Kol 2,10; Joh 6,44; 2Kor 5,21; Röm 6,22; Eph 1,7). Er ist auch für das, was ich im Fleisch bin und immer sein werde, gestorben (Röm 8, 3).

Sogar meine verderbte Natur ist ganz und gar mit Christus gekreuzigt (vgl. Röm. 6, 6-8; Kol. 3, 3). Jesus ist der letzte Adam. Worin der erste Adam fiel und somit die Sünde auf jeden Menschen kam, hat der letzte Adam wieder gutgemacht und uns dadurch von der Sünde befreit. Wir werden von Gott nicht mehr im ersten Adam gesehen, sondern im letzten – sofern wir wiedergeboren sind.

Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. (Kol. 3, 3; vgl. Röm 6,11; Gal 2,20)

Darum spricht die Bibel nun von uns als Sünder in der Vergangenheitsform:

Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm. 5, 8; vgl. Joh 15,13; 1Tim 1,15)

Und in Epheser steht 2, 4-7: Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren durch die Übertretungen, mit dem Christus lebendig gemacht aus Gnade seid ihr errettet! – und hat uns mitauferweckt und mitversetzt in die himmlischen in Christus Jesus, damit er in den kommenden Weltzeiten den überschwenglichen Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erweise in Christus Jesus.

Mit dem Verstand können wir es nicht fassen, aber für Gott ist unser Wandel bereits im Himmel! Wir sind schon mit Christus in den Himmel versetzt.

b) Nun wäre es aber eine Selbsttäuschung und Unaufrichtigkeit zu behaupten, dass wir im täglichen Wandel schon vollkommen wären. Wir wissen wie Paulus, dass in unserem Fleisch nichts Gutes wohnt:

Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht. (Röm. 7, 18)

Dazu ein Beispiel:

Hudson Taylor, der von Gott ausersehen wurde, die weltbekannte China-Inlandmission zu gründen, gestand einmal, dass er inmitten eines Gottesdienstes plötzlich von dem Gefühl einer persönlichen Not überwältigt wurde. Er schrieb: «Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft mich Versuchung überfiel. Ich habe nie gewusst, was für ein böses Herz ich habe. Mein Geist ist vor einigen Monaten hart geprüft worden. Ich fühlte, dass für mich und unsere Mission mehr Heiligsein, mehr Leben und Kraft für unsere Seelen nötig sei . . . Ich fühlte die Undankbarkeit, die Gefahr, die Sünde des Nicht-näher-bei Gott-Lebens. Ich betete, quälte meine Seele, fastete, machte Pläne, las Gottes Wort sorgfältiger, fand mehr Zeit für Meditationen – aber alles ohne Erfolg. An jedem Tag erdrückte mich das Bewusstsein der Sünde. Ich wusste, dass, wenn ich mich nur an Christus klammern könnte, alles gut würde, aber ich konnte es nicht. Ich pflegte den Tag mit Gebet zu beginnen und mit dem Entschluss, meine Augen keinen Augenblick von Christus zu lassen. Aber die Menge der Pflichten, die mich oft über alle Massen beanspruchten, und dauernde Unterbrechungen sorgten dafür, dass ich Gott vergass...»

Du magst denken, dass du schon viel zu weit auf dem Weg Christi bist oder zu intelligent oder geistlich zu stark, um irgendwelche Probleme der Versuchung zu haben. Lass mich dir sagen, dass du 25 Jahre mit Gott gegangen sein kannst und doch plötzlich einen inneren Kampf zu bestehen hast, an den du nicht einmal im Traum gedacht hättest. Wenn es so ist, dann magst du wohl mit dem Apostel Paulus rufen:

Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Todesleib? Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!  (Römer 7, 24-25)

(Herold Seines Kommens, Febr. 1997)

Deshalb tun wir dem Zustand nach im täglichen Glaubenskampf das, was sogar der große Apostel Paulus für sich für nötig hielt:

Nicht daß ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre; ich jage aber danach, daß ich das auch ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, daß ich es ergriffen habe; eines aber: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Phil. 3, 12-14)

«Vollkommen sein» bedeutet: ungeteilten Herzens sein, etwas ganz tun, ganze Sache machen. So, wie sich Gott uns ganz zuwendet, so sollen wir Ihm ganz gehören.

2. Stellung und Zustand nach Römer Kap. 6.

a) Römer 6, 1-11 lehrt die Stellung des Christen in Jesus:

Mit einem Satz gesagt: Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben? (vgl. Röm. 6, 2) Auf der einen Seite sind wir also der Sünde gestorben, so dass wir gar nicht mehr sündigen können, denn ein Toter sündigt nicht mehr.

b) Aber trotz dieser Tatsache lehren dann die folgenden Verse aus Römer 6, 12-23 über den Zustand des Christen, dass wir unsere Glieder der Sünde nicht zur Verfügung stellen sollen:

Also auch ihr: Haltet euch selbst dafür, daß ihr für die Sünde tot seid, aber für Gott lebt in Christus Jesus, unserem Herrn! So soll nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leib, damit ihr nicht durch die Begierden gehorcht; gebt auch nicht eure Glieder der Sünde hin als Werkzeuge der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin als solche, die lebendig geworden sind aus den Toten, und eure Glieder Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit!  (Römer 6, 11-13)

Nach diesen Aussagen des Apostels sind wir wie Werkzeuge, die einen eigenen Willen haben. Mit einem Werkzeug kann man Böses tun, jemanden verletzen – man kann aber auch Gutes tun, etwas aufbauen. Früher waren wir nur fähig, das Böse zu tun. Jetzt aber sind wir in Christus fähig, auch das Gute zu tun, und wir haben die Freiheit, uns dem einen oder anderen zur Verfügung zu stellen. Später in Römer Kap. 6,17-18 wird unser Leben mit dem Leben eines Sklaven verglichen:

Gott aber sei Dank, daß ihr Sklaven der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, das euch überliefert worden ist. Nachdem ihr aber von der Sünde befreit wurdet, seid ihr der Gerechtigkeit dienstbar geworden.  (V. 17-18)

Wir waren Sklaven eines Dienstherren, nämlich des Teufels. Und wir waren nicht fähig, in der Freiheit zu wirken. Uns blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu dienen. Dann aber kam ein stärkerer HERR und hat uns aus dem Sklavendienst freigekauft (durch das Blut Jesu). Nun sind wir der Stellung nach keine Sklaven des Teufels mehr. Wir sind nun dienstbar in Jesu Christi. Dadurch müssen wir dem ersten nicht mehr dienen, wir sind befreit. Aber wir haben den freien Willen, uns wieder auf das alte Gebiet zu begeben. Wir sind jetzt frei zu sündigen, aber auch nicht zu sündigen. Und das letzte muss das erste sein. 

Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist ein Knecht der Sünde. (Joh 8, 34; vgl. Röm 6,16; 2Pt 2,19)

Wißt ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müßt ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit?  (Röm. 6, 16; vgl. Röm 6,17; Joh 8, 34; 2Pt 2,19; Jos 24,15; Mt 6,24)

Wir sind also auf der einen Seite der Sünde abgestorben, aber auf der anderen Seite können wir uns der Sünde noch hingeben.

3. Stellung und Zustand nach dem Johannesbrief

a) Der Stellung nach kann der Wiedergeborene nicht mehr sündigen. In 1. Johannes 3, 9 heisst es: Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde; denn Sein Same bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.

Was genau ist mit dieser Stelle gemeint? Wir müssen davon ausgehen, dass der Christ hier von dem Apostel Johannes ganz in Seiner wiedergeborenen Stellung in Gott gesehen wird. Es heisst nicht, dass der Gläubige als Mensch nicht mehr sündigen kann, sondern der «wiedergeborene Same» in ihm. Wir müssen aber unterscheiden, dass der Christ nicht nur aus Gott geboren ist, sondern auch aus Fleisch. Und die alte fleischliche Natur hat nicht aufgehört zu existieren. So hat z.B. jeder Mensch seinen eigenen Charakter, und dieser wird bei der Wiedergeburt nicht aufhören zu existieren; so ist beispielsweise ein Choleriker auch nach seiner Bekehrung noch ein Choleriker. Jetzt aber soll der Charakter geheiligt werden, d.h. unter die Herrschaft des Heiligen Geistes kommen.

Der Christ besteht nun aus zwei Naturen, aus einer geistlichen und einer fleischlichen:

Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; das Wollen ist zwar bei mir vorhanden, aber das Vollbringen des Guten gelingt mir nicht. (Röm. 7, 18)

Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! So diene ich selbst nun mit der Gesinnung dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde.  (Röm. 7, 25; bis Kap. 8, 1)

Denn wenn ihr gemäß dem Fleisch lebt, so müßt ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.  (Röm. 8, 13; vgl. Gal 5,19-21; Kol 3,5)

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.  (Gal 2, 20; vgl. Röm 6,4-6; Joh 15,4; Eph 3,17; Kol 2,20; Phil 1,21; 1Joh 5,12; Joh 10,15)

Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch Werke des Gesetzes empfangen oder durch die Verkündigung vom Glauben? Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen und wollt es nun im Fleisch vollenden? (Gal. 3, 2-3)

Denn ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder; nur macht die Freiheit nicht zu einem Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander durch die Liebe. Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr die Lust des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und diese widerstreben einander, so daß ihr nicht das tut, was ihr wollt.  Offenbar sind aber die Werke des Fleisches, welche sind: Ehebruch, Unzucht, Unreinheit, Zügellosigkeit; Die aber Christus angehören, die haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Lüsten. (Gal. 5, 13.16-17.19.24)

Denn wer auf sein Fleisch sät, der wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird vom Geist ewiges Leben ernten. (Gal 6, 8)

Die geistliche Natur kann nicht sündigen, denn sie ist ihrer Stellung nach in den Herrn Jesus Christus versetzt.

b) Dem Zustand nach aber ist der Christ fähig, im Geist oder im Fleisch zu wandeln.

Oswald Chambers hat einmal geschrieben: «. . . wenn das so ist (dass der Christ gar nicht mehr sündigen kann), dann hörten wir auf, Mensch zu sein.» Man kann tatsächlich nach der Lust des Fleisches leben und sündigen, man kann dem Fleisch Raum geben, wie wir es auch lesen in Römerbrief 8, 13:

Denn wenn ihr gemäß dem Fleisch lebt, so müßt ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Leibes tötet, so werdet ihr leben.  (Röm 8,13)

Denn das Fleisch gelüstet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und diese widerstreben einander, so daß ihr nicht das tut, was ihr wollt. (Gal 5,17)

Es wäre ja sonst ein Widerspruch, wenn es einerseits heißt, dass der Wiedergeborene nicht sündigen kann und es andererseits im selben Buch der Bibel heißt:

Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, daß wir nicht gesündigt haben, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. (1.Joh. 1, 8-10)

Oder:

Wenn jemand seinen Bruder (wiedergeborener Christ) sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so soll er bitten, und Er wird ihm Leben geben, solchen, die nicht zum Tode sündigen. Es gibt Sünde zum Tode; daß man für eine solche bitten soll, sage ich nicht. (1. Johannes 5, 16; vgl. 1Joh 1,9; Mt 18,15-17; Jak 5,16.20; Mt 12,31; Lk 12,10; 4Mose 15,30-31; Jer 7,16).

Ein Christ kann eben noch sündigen, aber es ist für ihn nicht mehr das Normale. Es ist zu vergleichen mit einer Entgleisung, einem Unfall. Es ist eben ein Unterschied zwischen Stellung und Zustand.

Darum heisst es auch in 1. Johannes 2, 1: Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt! Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten;

II. Wie kann ich die Diskrepanz zwischen Geist und Fleisch überwinden?

Jeder wahrhaft Wiedergeborene trägt durch den Heiligen Geist das Verlangen in sich, auch im Geist zu wandeln. Manchmal empfinden wir das stark, manchmal weniger stark, je nachdem, wie gut unsere Verbindung zu Jesus ist. Wenn aber jemand dieses Verlangen gar nicht in sich spürt und es einem egal ist, dann könnte es sein, dass er den Geist nicht hat. Wir können das Fleisch nicht besser machen, aber wir können nach dem Geist wandeln. Das will uns die Bibel lehren. Das ist auch der Kampf zwischen Geist und Fleisch (vgl. Galater 5, 17).

Das meint die Bibel mit Glaubenskampf, da spricht sie vom Überwinden. Das geht nur in Verbindung mit Jesus und mit der Verbindung mit dem Leib Christi, der Gemeinde. Darum ist Gemeindebesuch so unwahrscheinlich wichtig, weil wir einander brauchen. Lebe ich der Sünde und dem Fleisch hingegeben, regiert mich der Tod, und ich bin der Sünde Knecht (vgl. Römer 8,13).

Wir haben die Fähigkeit durch den Geist, über das Fleisch zu regieren. Wie sieht das praktisch aus? Dazu wollen wir nachfolgend drei Punkte beachten.

1. Ich muss mich im Glauben für tot halten und dem Geist Gottes Raum geben. Es heißt:

Also auch ihr: Haltet euch selbst dafür, daß ihr für die Sünde tot seid, aber für Gott lebt in Christus Jesus, unserem Herrn!  (Römer 6, 11)

Das heißt im praktischen Sinn: Wir dürfen nicht mehr im armen Sündertum leben und stecken bleiben. Wir müssen als Kinder Gottes lernen, unserer Stellung gemäß zu wandeln. Wir dürfen unser Leben aber nicht zu einem Krampf werden lassen, sondern wir sollten wissen und uns eingestehen, dass das Fleisch niemals heilig werden wird.

Darum: Fliehen Sie der Sünde und nahen Sie sich zu Gott, so naht Er sich zu Ihnen! «Im Wort, im Werk, in allem Wesen, sei Jesus und sonst nichts zu lesen.»

Johannes der Täufer sagte: Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. (Joh. 3, 30)

Dazu ein sehr treffendes Beispiel über einen Blumenstock:

Es schenkt dir jemand einen Blumenstock: neben der Blume steht im Topf ein hohes, hässliches, totes Stäbchen. Du pflegst die Blume treu; sie wächst, blüht, gedeiht. Der tote Stab wird dabei verdeckt. Nun kommt ein Freund zu dir und sagt: «Wie gut, dass der hässliche tote Stab, der neben der Blume stand, weggenommen oder doch kleiner geworden ist.» Du sagst: «Ja; aber der tote Stab ist eigentlich nicht weggenommen und nun fort, sondern die Blume ist grösser geworden und der tote Stab verdeckt und unsichtbar.» (Dr. E. Dönges)

Der Stab ist weder gewachsen noch kleiner geworden, er ist auch nicht zur Blume geworden. Aber er ist von der Blume (dem geistlichen Wandel) überdeckt.

Paulus sagt: Wenn wir im Geist leben, so laßt uns auch im Geist wandeln. (Gal. 5, 25)

2. «Mein Wille gehört meinem Gott» heißt es in einem Lied, und wir lesen in Römer 6, 13:

Gebt auch nicht eure Glieder der Sünde hin als Werkzeuge der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin als solche, die lebendig geworden sind aus den Toten, und eure Glieder Gott als Werkzeuge der Gerechtigkeit!

Der Wille ist der Schlüssel zu einem gottseligen Wesen. Und zum Wollen schenkt der Herr auch das Vollbringen.

Dazu folgendes Beispiel:

Ein Vater holt das gehackte Holz von draussen herein und stapelt es im Keller auf. Da kommt sein dreijähriger Sohn und will ihm helfen. In Wirklichkeit tut der Vater die Arbeit ganz alleine. Der Kleine schafft es vielleicht, in der ganzen Zeit ein kleines Ästchen in den Keller zu bringen, ansonsten steht er dem Vater mehr im Weg, als dass er helfen könnte. Am Abend sitzen sie beim Abendbrot, und der Sohn sagt nun ganz stolz zur Mutter: «Du, ich und der Papa, wir haben das ganze Holz in den Keller gebracht.» Wird der Vater da sagen: «Mein lieber Sohn, du standest mir nur im Weg» oder wird er sagen: «Ja mein Sohn, du hast mir geholfen wie du konntest und jetzt sollst du auch etwas dafür bekommen?» (Dr. E. Dönges)

Für den Vater war der Wille des Sohnes entscheidend. Auch wir stehen dem Herrn oftmals mehr im Weg, als dass wir tatsächlich helfen könnten. Letztlich hat Er alles getan! Wir sollen sogar von uns sagen:

«Wir sind unnütze Knechte» (vgl. Lukas 17, 10). Aber der Vater im Himmel sieht unseren Willen und unseren Einsatz und das wird Er belohnen (vgl. Matthäus 25, 23).

3. Richten Sie den Blick nur auf Jesus. Wir müssen von uns selber weg schauen, auf Jesus hin und unsere Stellung in Ihm sehen – das befreit! Viele sind nur mit sich selbst beschäftigt und blicken verkrampft auf ihren Weg, anstatt auf den Herrn der Herrlichkeit:

Da wir nun eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, so laßt uns jede Last ablegen und die Sünde, die uns so leicht umstrickt, und laßt uns mit Ausdauer laufen in dem Kampf, der vor uns liegt, indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und dabei die Schande für nichts achtete, und der sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat.  (Hebräer 12, 1-2)

Auch hierzu eine eindrückliche Illustration:

Zwei Brüder wollen sehen, wer von ihnen zum Vaterhaus, das vor ihnen liegt, den geradesten Pfad zurücklegt. Es liegt tiefer Schnee, so können sie gut feststellen, wer gewonnen hat. Der eine geht und blickt, ängstlich trippelnd, stets auf seine Füsse und Schritte und schaut nie oder selten hin zum Vaterhaus. Der andere blickt vor allem hin aufs Vaterhaus und geht, es fest im Auge behaltend, darauf zu. Dort angelangt, schauen beide zurück. Der Pfad des ersteren ist eine einzige Zickzacklinie, der Pfad des anderen aber eine schöne gerade Bahn. (Dr. E. Dönges)

Wenn Sie so auf den Herrn Jesus und das Vaterhaus blicken und bereit sind, Ihm zu folgen, werden Sie ganz sicher wohlbehalten – durch Seine Hand geführt – ans Ziel kommen. Die Vollendung der Vollendung aber erreichen wir dann, «wenn wir Ihn sehen wie Er ist und wir Ihm gleich sein werden» (vgl. 1. Joh. 3, 3).

Bis dahin aber richten wir unseren Blick im Glauben auf Seine Wiederkunft und erfahren:

Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus gegeben ist, daß ihr in allem reich gemacht worden seid in ihm, in allem Wort und in aller Erkenntnis, wie denn das Zeugnis von Christus in euch gefestigt worden ist, so daß ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gnadengabe, während ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus erwartet, der euch auch fest machen wird bis ans Ende, so daß ihr unverklagbar seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.   (1. Kor. 1, 4-9)

   Sind Sie bereit, mit der Sünde zu brechen, sich mit Ihrem Willen dem Herrn Jesus Christus zu ergeben und ganz von sich weg auf Ihn zu sehen?

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