Himmlisches durcheinander

Himmlisches durcheinander

Über den Himmel kursieren viele verschiedene Vorstellungen. Seit einiger Zeit sind auf dem christlichen Büchermarkt Berichte über Nahtoderfahrungen und Himmelsreisen beliebt. Was sollen wir davon halten?

Die Schrift (Bibel) lehrt ausdrücklich, dass der Mensch geschaffen (1.Mose Kapitel 1, Verse 26-27 & Kapitel 2, Vers 7) wurde mit einem angeborenen Bewusstsein von Gott. »…Weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat; « (Römer Kap. 1, Vers 19; vgl. Apg 14,16-17)

Eine wörtliche Übersetzung des griechischen Textes wäre: »Etwas von Gott ist deutlich in ihnen geoffenbart.« Menschen besitzen ein intuitives Gespür für die Existenz Gottes. Wir wissen etwas über Sein Wesen. Gott selbst hat uns mit diesem innewohnenden Wissen geschaffen (Prediger Kap. 3, Vers 11; Prediger 9,5; Römer 1,20). Und wir spüren, dass wir Ihm (Gott) letztlich Rechenschaft schuldig sind, wir werden für das, was wir zu Lebzeiten getan haben, es sei gutes oder böses, Rechenschaft ablegen müssen. (Matthäus Kap. 12, Vers 36; Prediger 12,14).

Zusätzlich zu diesem angeborenen Wissen hat Gott Seine Herrlichkeit zur Wahrnehmung für uns auf alles gelegt, was Er erschaffen hat. »Denn sein unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit Erschaffung der Welt an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, so daß sie keine Entschuldigung haben.« (Römer 1,20)

Aus diesem Grund erkennen wir in diesem riesigen Universum (Kosmos), wo wir auch hinschauen, Gottes Weisheit, Kraft & Größe. Blicken Sie durch das leistungsstärkste Teleskop in die äußersten Ecken des Universums, und Sie werden von der unendlichen Erhabenheit überwältigt, die unser Verständnis weit übersteigt. Schauen Sie sich unter dem Mikroskop einen Tropfen Wasser aus einem Teich an und Sie werden ebenso komplexe Wunder sehen, die die unbeschreibliche Majestät Gottes und die unerschöpflichen Fähigkeiten unseres Schöpfers erkennen lassen. Beide Perspektiven – und jeder Standpunkt dazwischen – erinnern uns an das, was unserem Herzen und Gewissen bereits bekannt ist: Wir wurden von einem unvorstellbar herrlichen Gott geschaffen, und Sein Plan für uns geht unendlich weit über dieses kurze Leben auf der Erde hinaus.

Die ganze atheistische Propaganda in der Welt kann nicht (und wird niemals) das angeborene Wissen des Menschen über Gott auslöschen, das Zeugnis der Schöpfung zum Schweigen bringen, auch Satan nicht, das Gespür für die Ewigkeit im Herzen des Menschen abtöten oder unsere Sehnsucht nach dem Himmel unterdrücken.

Das erklärt, warum jede größere Religion und jede bedeutende Kultur in der Menschheitsgeschichte irgendeine Vorstellung von einem perfekten Paradies gehabt hat – Nirwana, Elysium, Walhalla, Utopia, Shangri-La oder was auch immer. Es erklärt aber nicht, warum sich jeder den Himmel ein bisschen anders vorstellt. "Sogar die Menschen, die behaupten, schon einmal im Himmel gewesen zu sein, stimmen in ihrer Beschreibung nicht überein."

Wenn Gott die Ewigkeit ins menschliche Herz gelegt hat (Prediger3, 11), warum haben dann verschiedene Menschen so verschiedene Vorstellungen vom Himmel?

Die Antwort auf diese Frage ist begründet in der traurigen Wahrheit, dass wir gefallene Geschöpfe sind, belastet mit Schuld & Sünde. Die Sünde beeinflusst unser Denken, unsere Wünsche, unsere Fantasie und vor allem unser Verständnis von geistlichen Dingen (1.Korinther Kap. 2, Vers 13). Wir sind nicht einmal in der Lage, unser eigenes Herz verlässlich klar zu erkennen: »Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?« (Jeremia 17,9)

Während wir also intuitiv die Realität des Himmels erfassen können und zu Ihm hingezogen werden, nehmen wir auch unsere eigene Gefallenheit und Schuld wahr. Es ist bezeichnend, dass Adam und Eva, nachdem sie von der verbotenen Frucht gegessen hatten, als Erstes versuchten, ihre Nacktheit zu bedecken und sich vor Gott zu verstecken (1.Buch Mose Kap. 3, Verse 7-14). Ihre tiefe Scham war sogar stärker als ihr Gespür für Gottes wunderbare Erscheinung, daher wollten sie als gefallene Geschöpfe Gott aus dem Weg gehen. Vernünftig und angemessen wäre es gewesen, wenn sie sich zu Ihm hingezogen gefühlt hätten, gefesselt von Seiner Herrlichkeit und umgeben von Liebe und Wonne in Seiner Gegenwart. All das hatten sie erlebt – bis zu dem Augenblick, als sie ungehorsam wurden. Aber die Sünde änderte alles radikal und augenblicklich, und als irrationale Handlung versuchten sie sich vor Dem zu verstecken, den sie am dringendsten brauchten, dem einen wahren Gott, der allein ihre Liebe und Hingabe verdiente.

Seitdem hat sich die ganze Menschheit in der gleichen nutzlosen Übung betätigt. Wir werden mit einer Neigung zur Sünde geboren. Wir spüren die Schande unserer Schuld und wissen, dass wir Gottes Güte & Gnade nicht verdienen, aber Jesus Christus hat dies ermöglicht, weil Gott der Vater nicht will, dass irgendjemand verloren geht, aber der größte Teil der Menschheit wird es sein, weil sie nicht zu Gott wollten. Von Natur aus sind wir uns Seiner Allmacht und Seiner unendlichen Weisheit bewusst (und werden davon beunruhigt) – und diese Wahrheiten sind der ganzen Schöpfung dauerhaft einbeschrieben, damit wir sie nicht vergessen können. Wir wissen, wir hätten kein stichhaltiges Argument oder könnten uns nicht verteidigen gegen den gerechten Zorn des Allmächtigen, würden wir vor Sein vollkommenes Gericht gerufen. »Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben.« (Hebräerbrief 4,13)

Daher versuchen gefallene Menschen unweigerlich, zu verdrängen und zu verdrehen, was Gott ihnen geoffenbart hat (Römer 1,18).

Je mehr die Menschen dieses angeborene Wissen von der Gottheit zum Schweigen bringen, umso geistlich verwirrter und schamlos sündiger werden sie im Römerbrief Kap. 1, Verse 21-25 zeichnet den Weg der menschlichen Verdorbenheit nach.

Berücksichtigen Sie folgende Tatsache: Wenn Menschen ihr Wissen von Gott absichtlich verdrängen und verwerfen, was Er über sich geoffenbart hat, dann leugnen sie normalerweise Gottes Existenz nicht komplett. Vielmehr erfinden sie einen Gott für sich selbst, der eher ihrer Vorstellung entspricht. Der auf falsche Weise Gott Verehrende erkennt, dass er das angeborene Wissen von Gottes Existenz nicht vollständig auslöschen kann, ohne ein Teil seines Menschseins zu opfern. Daher entscheidet er sich, einen kleineren Gott nach seinen eigenen Vorstellungen zu erdenken, der mehr seinem persönlichen Geschmack entspricht. Manche verehren krass das bloße Geschöpf (sogar Vögel und vierfüßige und kriechende Tiere). Andere machen sich Götzen aus Stein, Holz usw. oder verehren fiktive Gestalten aus menschlichen Mythologien. Heute stellen sich die meisten einfach eine persönliche Gottheit vor, die wenig mehr ist als ein Spiegelbild ihrer selbst. Sie mögen vorgeben – und sich sogar selbst einreden -, dass sie den Gott der Bibel ehren, aber in Wirklichkeit verehren sie sich selbst oder Dämonen. Das alles sind sündige Formen von Verehrung des Geschöpfes. Keine ist besser oder kultivierter als die andere; und keine Art ist besser als ein wild wuchernder Atheismus (Psalm Kap. 31, Vers 7).

Falsche Religionen stellen sich häufig als groteskere und nachdrücklichere Ablehnungen des einen wahren Gottes heraus als ein rigoroser Atheismus – weil von Menschen gemachte Religionen jede geistliche Wahrheit systematisch verdrehen und neu ersinnen.

Was Menschen über das Leben nach dem Tod glauben, wird besonders beeinflusst von der Verderbtheit falscher Religionen. Menschen, die ihre eigenen Götter erfinden, müssen sich auch ihren eigenen Himmel erfinden. Das ist mittlerweile zu einem sehr modernen Zeitvertreib geworden, sogar unter Leuten, die behaupten, an den Gott der Bibel zu glauben.

Die Faszination der Leserschaft über Abstecher in den Himmel und Nahtoderfahrungen nahm einen ernsthaften Anfang, kurz nachdem Dr., Elisabeth Kübler Ross 1969 ihr Buch – On Death and Dying – veröffentlichte. Kübler-Ross, eine in der Schweiz geborene amerikanische Psychiaterin, führte in den 1960ern eine Studie an todkranken Patienten durch. Sie ist berühmt für ihre Theorie über die fünf Phasen der Trauer.

Zusammen mit ihren Ideen über das Trauern veröffentlichte sie Berichte von mehreren Personen, die, wie es schien, buchstäblich aus dem Tod zurückgekehrt waren – die meisten von ihnen wurden im Operationssaal von Chirurgen oder an Unfallorten von Sanitätern wiederbelebt. Viele hatten faszinierende Dinge darüber zu berichten, was sie auf der „anderen Seite“ angeblich gesehen und erlebt hatten.

Kübler-Ross entschloss sich zu weiteren  Untersuchungen über das Phänomen der Nahtoderfahrung. Sie sagte, die Studie veränderte ihre eigenen Ansichten über das Leben nach dem Tod. Bevor sie zu – On Death and Dying – zu recherchieren begann, war sie eine rationalistische Skeptikerin und glaubte, dass auf den Tod nur ein Zustand der Bewusstlosigkeit folgte. Später schrieb sie: »Als ich diese Arbeit begann, muss ist sagen, war ich weder besonders am Leben nach dem Tod interessiert, noch hatte ich ein klares Bild von der Definition vom Tod.« Doch nachdem sie die Berichte von Menschen mit Nahtoderfahrungen hörte, glaubte sie an das Übernatürliche, sagte sie.

Etwa fünf Jahre nachdem Kübler-Ross diesen ersten Bestseller über das Sterben veröffentlicht hatte, wurde ein weiterer wissenschaftlicher Forscher, der sich auf Nahtoderfahrungen spezialisiert hatte, bekannt. Wie Kübler-Ross war Raymond A. Moody ein Mediziner, der sich für die menschliche Psychologie interessierte. Er führte eine Studie durch über den Umgang der Menschen mit der Realität des Todes. Moodys erstes Buch zu diesem Thema war Life after Life, und kurz nach der Veröffentlichung im Jahr 1975 wurde es zu einem Megabestseller. Moodys Buch führte mehr als hundert Fälle von Menschen an, die klinisch tot waren und wiederbelebt wurden. In ihren Geschichten beschrieben praktisch alle seine Testpersonen eine Art positive, erleuchtende, tröstende oder einfach nur friedliche Erfahrung, die sie auf der anderen Seite gemacht hatten. Auf einmal schien es, als wäre ein Grossteil der Welt versessen nach Zeugenaussagen, die von der Rückkehr aus den Toten berichteten. Was können uns diese Nahtoderfahrungen in den Händen von wissenschaftlichen Forschern über das Leben nach dem Tod mitteilen? Mehr und mehr Geschichten von Menschen tauchen auf, die behaupten, sie hätten himmlische Phänomene erlebt. Nach dem Erfolg seines ersten Bandes schloss m Raymond Moody in den nächsten anderthalb Jahrzehnten eine Reihe von Nachfolgewerken an: Reflections on Life after Life; The Light Beyond; Coming Back; und Reunions: Visionary Encounters with Departed Loved Ones.

Ein solch plötzliches und starkes Interesse am Leben nach dem Tod mag wie ein ermutigender Trend klingen. Schließlich begann es mit zwei Gelehrten mit einwandfreien akademischen und medizinischen Referenzen, die unabhängig voneinander arbeiteten und angeblich  wissenschaftliche Forschungsmethoden einsetzten. Kübler-Ross hatte an der Universität von Zürich unter einigen der renommiertesten praktizierenden Ärzten Europas Psychiatrie studiert. Sie lehrte an der medizinischen Fakultät der Universität von Chicago, als sie ihr fundamentales Werk veröffentlichte. Im Jahr nach ihrem ersten Buch hielt sie in Harvard Vorlesungen über menschliche Unsterblichkeit. Raymond Moody besaß zwei Doktortitel in Psychologie, einen von der Universität von Virginia und den anderen von der Universität von West Georgia. Außerdem ist er Doktor der Medizin, arbeitete als forensischer Psychiater und unterrichtete Medizinstudenten an wichtigen Universitäten in Georgia und Nevada.

Hatten diese angesehenen Doktoren schließlich den Zusammenhang zwischen Spiritualität und Wissenschaft entdeckt?

Wohl kaum. Zunächst einmal haben weder Elisabeth Kübler-Ross noch Raymond Moody Achtung vor der Autorität der Schrift; und indem sie sich eingehender mit den Nahtoderfahrungen einiger Menschen befassten, stießen diese beiden angesehenen Doktoren letztlich auch die Wissenschaftlichkeit zur Seite. Stattdessen griffen sie leichtfertig auf mittelalterlichen Aberglauben zurück. Der anhaltende Einfluss ihrer Veröffentlichungen bedeutet einen ernsthaften Rückschlag für Glauben und Wissenschaft gleichermaßen.

Die Realität übernatürlicher Dinge zu akzeptieren, ist nicht dasselbe, wie der Wahrheit zu glauben. Wenn ein ungläubiger Geist die Autorität der Bibel ablehnt, die Realität des Übernatürlichen aber anerkennt, ist das Ergebnis immer katastrophal.

Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody sind zu lebenden Beispielen für diese Grundwahrheit geworden. Beide sagten, sie hätten ihre Untersuchungen über Nahtoderfahrungen als wissenschaftliche Rationalisten begonnen, überzeugt, dass es eine völlig vernünftige natürliche Erklärung für die fremdartigen Sinneswahrnehmungen von sterbenden Menschen geben müsste. Doch kurz darauf gaben beide ihren agnostischen Materialismus für etwas noch Schlimmeres auf.

Kübler-Ross drehte allmählich ab in die Welt des New-Age-Okkultismus. Nach der Veröffentlichung ihrer Studie über weitere Nahtoderfahrungen berichtete sie, dass sie selbst eine ziemlich bemerkenswerte Außerhalb-des-Körpers-Erfahrung gemacht hatte, bei der sie mit Lichtgeschwindigkeit reiste. Sie fing an, mit spiritistischen Sitzungen zu experimentieren, um Kontakt mit Toten aufzunehmen. Sie wurde zu einer führenden Stimme der New-Age-Bewegung. Irgendwann schloss sie sich der bizarren religiösen Sekte, geleitet von Jay Barham, an, einem offenkundigen Scharlatan, der behauptete, er könne Geister sich materialisieren lassen, um Sex mit den Lebenden zu haben. Kübler-Ross’ Abgleiten ins Okkulte führte schon bald zu einer Trennung und dem Verlust ihres Ansehens in der wissenschaftlichen Welt.

Kübler-Ross gelangte zu dem Glauben, «dass der physische Körper nur das Haus oder der Tempel oder, wie wir es nennen, der Kokon ist, in dem wir eine bestimmte Zahl von Monaten oder Jahren wohnen, bis wir den Übergang machen, genannt Tod. Wenn wir dann sterben, stoßen wir diesen Kokon ab und sind wieder frei wie ein Schmetterling.»

Es dauerte nicht lange, bis die weltweit bekannteste säkulare Autorität in Bezug auf Tod und Sterben die Realität des Todes an sich zu hinterfragen begann. Letztlich kam Kübler-Ross zu dem Schluss, dass «es keinen Tod gibt, nur ‹Übergänge› von einer durchlässigen Grenze zur nächsten.» Als bei ihr diese New-Age-Überzeugungen unverblümter und ausgefallener anwuchsen, wiesen akademische und wissenschaftliche Kritiker darauf hin, dass selbst ihre bekannten frühen Werke keine wirklich objektiven wissenschaftlichen oder gelehrten Studien waren. Es waren einfach anekdotenhafte Schilderungen, erzählt mit üppiger Leichtgläubigkeit und Spekulation, sorgfältig verpackt in eine klinische Fachsprache, die den Anschein wissenschaftlicher Legitimität erwecken sollte. Als Kübler-Ross noch tiefer in das okkulte New-Age-Denken eintauchte, nahm ihr Ansehen in der akademischen und wissenschaftlichen Welt nach und nach ab. Wiederholte Schlaganfälle führten Mitte der 1990er-Jahre zu einer teilweisen Lähmung und 2004 starb sie in einer Pflegeeinrichtung in Arizona.

Nichtsdestotrotz hat ihr Werk – vor allem ihr leichtgläubiges Fasziniertsein von Nahtoderfahrungen – bis heute einen starken Einfluss auf die populäre westliche Sicht über den Tod und das Leben danach.

In einem Artikel, der auf das Leben und die Exzentrizität von Elisabeth Kübler-Ross zurückblickte, bemerkte ein Schreiber in Slate, dass ihr Werk «eine kultartige Verehrung für die angeblich höhere, die Wahrheit sagende Weisheit der Sterbenden auslöste. ... Es ist eine Sentimentalisierung der Sterblichkeit, die sich in die Populärkultur eingeschlichen hat und als Ursprung von derart vom Tod verfolgte Dramen wie Touched by an Angel [im dt. Raum auch bekannt unter dem Titel – Ein Hauch von Himmel] und Dead Like Meangesehen werden kann.» Das ist eine einsichtige Beobachtung. Eine der grossen Gefahren dieser Zurück-vom-Tod-Zeugnisse ist, dass Leser dazu neigen, die Erfahrung zu romantisieren und der Person, die derartiges behauptet, eine überirdische Weisheit zuzuschreiben.

Was ich gerade beschrieben habe, ist im Grunde gnostisches Denken. Der Gnostizismus war eine subchristliche Irrlehre (in Wirklichkeit eine ganze Klasse von unterschiedlichen Kultausrichtungen), die im zweiten Jahrhundert bekannt wurde und mit dem frühen Christentum mindestens vier Jahrhunderte konkurrierte. Überreste von gnostischen Glaubensinhalten haben überlebt und sich vermehrt und sind seitdem immer wieder aufgetaucht. Die gegenwärtige Faszination für Nahtod-erfahrungen ist ein klassisches Beispiel für gnostisches Gedankengut, das von der New-Age-Bewegung wiederbelebt und neu angepasst wurde.

Die charakteristische Behauptung jedes gnostischen Glaubenssystems ist, dass wahre Erleuchtung aus einer ausserbiblischen Quelle kommt. Gnostiker haben die Schrift nicht offen geleugnet, aber sie lehrten, der erforderliche Schlüssel zur wahren Bedeutung des Bibeltextes sei die Gnosis (das griechische Wort für «Erkenntnis») – übernatürliche Erleuchtung, die einer mystischen Erfahrung entstammt. Gnostische Erleuchtung kann auserwählten Personen nur von denen vermittelt werden, die diese mystische Erfahrung gemacht haben.

Die Überzeugung, dass beinahe toten oder sterbenden Menschen eine besondere Einsicht in den spirituellen Bereich gegeben wird, ist eine klassische gnostische Vorstellung – eine teuflische Lehre. Somit verwundert es nicht, dass Menschen, die verfolgt sind von Nahtoderfahrungen und Berichten über die Rückkehr aus den Toten, leicht zu Aberglauben, Mystizismus und Okkultismus zu verführen sind.

Raymond Moodys Abstecher in den Supernaturalismus nahmen eine gleichermassen unheilvolle Wendung. Von Anfang an war klar, dass Moody kategorisch ablehnte, was die Bibel lehrt über die menschliche Seele nach dem Tod, das Gericht Gottes, Himmel und Hölle. In seinem ersten Bestseller schrieb er: «Während meiner ganzen Forschung ... habe ich nicht einen einzigen Hinweis gehört auf einen Himmel oder eine Hölle oder auf etwas wie das übliche Bild, dem wir in dieser Gesellschaft ausgesetzt sind. Viele Personen haben betont, wie anders ihre Erfahrungen waren, verglichen mit den Erwartungen, die sie angesichts ihres religiösen Hintergrunds hatten. Eine Frau, die «starb», berichtete: «Ich hatte immer gehört, dass man beim Sterben sowohl den Himmel als auch die Hölle sieht, aber ich habe weder das eine noch das andere gesehen.» ... Ausserdem stammten in einigen Fällen Berichte von Personen, die vor ihrer Erfahrung überhaupt keine religiöse Überzeugung oder Unterweisung hatten, und ihre Schilderungen scheinen sich inhaltlich nicht von denen der Leute zu unterscheiden, die starke religiöse Überzeugungen vorzuweisen hatten.

Laut Moody kehrten auch die mit starken religiösen Überzeugungen normalerweise «mit einem neuen Modell und einem neuen Verständnis von der jenseitigen Welt [von ihren Nahtoderfahrungen] zurück – einer Vision, in der es kein einseitiges Gericht gibt, sondern vielmehr eine gemeinsame Entwicklung hin zum letztendlichen Ziel der Selbstverwirklichung.»

Moodys Entdeckungen wurden sorgfältig verdreht, dass sie sich gegen fast alles richteten, was die Bibel über Himmel, Hölle und die Bestimmung für die Seele nach dem Tod lehrt. Aber besonders achtete er darauf, alles zu entfernen, was auf die Realität des Gerichts Gottes hinweisen konnte. Mit voller Absicht betonte er Merkmale in den Aussagen seiner Testpersonen, die der klaren und wiederholten Behauptung der Bibel widersprachen, dass «wir ja alle vor dem  Richterstuhl Gottes erscheinen werden» (Römer 14,10). Moody zufolge hatten die Erfahrungen nach dem Tod den Menschen die Augen geöffnet für eine andere, tiefgründigere Gnosis: «In den meisten Fällen wird der Zusammenhang von Belohnung und Strafe nach dem Tod aufgegeben und verleugnet, sogar von vielen, die es gewohnt waren, in solchen Kategorien zu denken. Sie stellten sehr zu ihrem Erstaunen fest, dass selbst wenn ihre scheusslichsten und sündigsten Taten vor dem Wesen des Lichts offenbar gemacht wurden, dieses Wesen nicht mit Zorn und Wut reagierte, sondern nur mit Verständnis und sogar mit Humor.»

Da er nicht anerkannte, was die Bibel lehrt, und gleichzeitig über zunehmende empirische Anhaltspunkte verfügte, dass es einen unsichtbaren spirituellen Bereich gibt und die menschliche Existenz nicht mit dem Tod endet, war Moody gezwungen, nach ausserbiblischen Erklärungen zu suchen. Auch er liess sich auf das Okkulte ein. Seine späteren Bücher zeigen ein nicht mehr loslassendes Verfolgtsein von Totenbeschwörung. Eines von ihnen, zum Beispiel, trägt den Titel Elvis after Life: Unusual Psychic Experiences Surrounding the Death of a Superstar.

Heute ist Raymond Moody im Grunde ein Medium, auch wenn er nach wie vor unter dem Deckmantel eines medizinischen Forschers arbeitet. Er wendet alle klassischen Techniken eines Salonspiritisten an, der in seiner «Therapie» wahrsagt – einschliesslich des Blicks in Kristallkugeln und Spiegel als Mittel, um Kontakt zu den Toten herzustellen. Er beschreibt detailliert, wie er ein Psychomanteum oder eine Erscheinungskammer baute, «eine modernisierte Version der Einrichtungen, die im antiken Griechenland zu finden waren, mit demselben Ziel, die Erscheinung von Toten zu sehen». Es ist ein spezieller Raum mit einem Spiegel, in dem, wie Moody behauptet, er mit den Geistern der Verstorbenen kommuniziert. In diesem Raum, sagt er, «habe ich mich mit meiner verstorbenen Grossmutter unterhalten, die ebenso real erschien, wie es irgendjemand nur sein kann.» Wenn er die Wahrheit sagt, hat er mit Dämonen gesprochen.

Moody glaubt, er habe in seiner Erscheinungskammer andere in Kontakt mit ihren geliebten toten Menschen gebracht. So erzählt er beispielsweise, wie eine Frau «die Gegenwart ihrer Tante spürte. Ihr Besuch im Psychomanteum und seine Nachwirkungen veränderten ihr Denken über das Paranormale. Während sie früher Zweifel an einem späteren Leben hatte, ist sie heute überzeugt von einem Leben nach dem Tod.»

Gegen Anfang der 1990er-Jahre ging die Neugierde auf Nahtoderfahrungen und Reiseberichte in den Himmel über die New-Age-Bewegung, den Spiritismus und andere offen okkulte Gemeinschaften hinaus und bahnte sich ihren Weg in etabliertere religiöse Kreise. Der Trend nahm nach 1992 noch weiter zu, als Licht am Ende des Lebens (Originaltitel: Embraced by the Light) von Betty Eadie erschien. Hier war der persönliche Bericht einer einfachen Frau über ihre eigene Nahtoderfahrung voller starker religiöser Untertöne und erzählt wie ein christliches Zeugnis.

Laut Dr. med. Melvin Morse, der das Vorwort schrieb, ist Eadies Buch «ein Lehrbuch über Nahtoderfahrung, geschrieben wie eine einfache und wunderschöne Geschichte, die wir alle verstehen können.» Das Buch stieg schnell an die Spitze der Liste der New York Times, blieb dort 78 Wochen lang und verkaufte sich mehr als 13 Millionen Mal.

Frau Eadie erzählte eine fantastische Geschichte, die in dem Krankenhaus beginnt, wo eine teilweise Gebärmutteroperation sie an die Schwelle des Todes brachte, wie sie sagt. Sie behauptet, als ihre Seele ihren Körper zu verlassen begann, sei sie nicht direkt in den Himmel gegangen, sondern erlebte zuerst, wie sie an verschiedene Orte auf der Erde reiste. Unterwegs, sagt sie, begegnete sie Engeln – «schützende Geister, die ihr halfen, wichtige Dinge über ihr Leben und ihre Beziehung zu ihrer Familie zu verstehen. Sie assistierten ihr beim Übergang in den Tod.»

Sie sagt, sie wäre anschliessend durch einen dunklen Tunnel geführt worden, bevor sie schliesslich in das intensive weisse Licht des Himmels überwechselte. Sie berichtete von ihrer Erfahrung in bemerkenswert anschaulichen Details.

Licht am Ende des Lebens ist stark beeinflusst von Lehrsätzen aus dem Mormonentum und der New-Age-Bewegung. Aber Betty Eadies Schilderung ist geschickt durchzogen von vielen evangelikalen Klischees und biblischen Bildern – in einem solchen Ausmass, dass es, als es die Spitze der säkularen Bestsellerlisten erreichte, in der evangelikalen Gemeinschaft begrüsst und weitläufig gelesen wurde und dort schnell eine beträchtliche Anhängerschaft fand. Evangelikale Kritiker wiesen auf eine Fülle antibiblischer Vorstellungen, mormonische Lehren und ernsthafte theologische Fehler in Frau Eadies Weltanschauung hin, aber ihr Buch schien dennoch einen weitreichenden und dauerhaften Einfluss auf die evangelikale Gemeinschaft zu haben. Es trug eindeutig dazu bei, den Appetit nach ähnlichen Berichten zu wecken.

Am interessantesten (und erschreckendsten) an diesem ganzen Trend ist die Geschwindigkeit und Subtilität, mit der er in die Gemeinde eingedrungen ist. Vor 1995 hätte kein seriöser christlicher Verleger ernsthaft in Betracht gezogen, ein Buch über den Himmel zu veröffentlichen, das auf einer mystischen Erfahrung eines klinisch Toten basierte. Doch erstaunlicherweise werden die bekanntesten und meistverkauften himmlischen Reiseberichte heute praktisch alle von wichtigen evangelikalen Herausgebern produziert und aggressiv vermarktet. Sie sind von Autoren geschrieben, die sich zum Glauben an Christus bekennen. Sie zielen speziell auf bibelgläubige Christen ab. Und in allen wimmelt es nur so von falschen, fehlerhaften und aus der Luft gegriffenen Vorstellungen über den Himmel.

Wesentliche Bestandteile, die in diesen Berichten herausragen, sind makabre Phänomene und extravagante «Offenbarungen», denen biblisch-gesinnte Gläubige keine Aufmerksamkeit schenken sollten. Die Kommunikation zwischen den Lebenden und den Toten ist natürlich ein weit verbreiteter Anteil in allen diesen Geschichten. Menschen unterhalten sich mit ihren toten Verwandten und kommen dann von der anderen Seite zurück mit Neuigkeiten über die Familie. Eine Frau behauptet, sie könne Menschen im Himmel schmecken, fühlen und riechen, indem sie sie bloss anschaut. Ein Unfallopfer sagt, der Teufel sei ihm irgendwo zwischen dem Unfallort und dem Para-dies sichtbar erschienen und habe ihn fälschlicherweise angeklagt und verhöhnt. Ein anderer Mann beschreibt himmlische Lagerhallen voll mit menschlichen Gliedmassen, von denen er meint, sie seien Wunder und Heilungen, die darauf warten, dass Menschen einen Anspruch auf sie erheben. Wieder ein anderer sagt, die Krawatte, die er während seines Aufenthalts im Himmel trug, habe den Duft des Paradieses angenommen. Wenn immer er sich also dorthin zurückversetzen möchte, riecht er einfach an dieser Krawatte.

Es mag ironisch klingen, aber eine Fixierung auf weltliche Dinge ist ein weiteres weit verbreitetes Merkmal derartiger Geschichten. Viele Reisende in den Himmel deuten an, dass es im Himmel möglich ist, irdische Ereignisse so nahe zu beobachten, wie man will. Die bevorzugten Zeitvertreibe im Himmel haben oft auch einen starken irdischen Anstrich. Es gibt Rasenspiele, Picknicks, Sportveranstaltungen und verschiedene Arten von himmlischer Ausgelassenheit. Die meisten Rückkehrer aus dem Himmel berichten natürlich, dass die im Paradies erlebten Farben, Klänge, Gerüche, Bilder und Gefühle unglaublich lebendig sind. Doch wenn sie die himmlische Szene beschreiben, klingt ihre Schilderung immer furchtbar irdisch, verglichen mit Hesekiel Kapitel 1 oder Offenbarung Kapitel 4.

In vielerlei Hinsicht weisen die christianisierten Versionen dieser Geschichten eine beunruhigende Ähnlichkeit mit ihren säkularen Vorgängern auf. Die wirklich unverwechselbaren Elemente ihrer Botschaft haben nichts zu tun mit der biblischen Lehre über den Himmel und das Leben nach dem Tod. Die Verfasser dieser Berichte scheint das nicht besonders zu stören. Schliesslich beanspruchen sie für sich ein höheres Verständnis vom Leben nach dem Tod – das sie aber nicht aus der Schrift haben, sondern durch Visionen, Geistererscheinungen, ausserkörperliche Reisen und andere okkulte Mittel.

In wichtigen Details stimmen sie aber nicht immer miteinander überein. Ein Besucher im Himmel sagt, im Leben nach dem Tod wären Sprachen nicht erforderlich (Totale Lüge; vgl.), weil alle telepathisch miteinander kommunizieren; ein anderer meint, die Menschen im Himmel sprechen eine Engelssprache, die wie Musik klingt. Einer sagt, die Menschen im Himmel tragen Schwerter, um den Teufel draussen zu halten; andere erklären, der Himmel sei ein Ort, an dem vollkommener Frieden und Ruhe herrschen, ohne Hinweise auf irgendwelche Konflikte. Einer besteht darauf, dass es im Himmel ein Loch gibt, das direkt in die Hölle führt. Niemand kümmert es, dass Jesus ausdrücklich sagte, dass keiner vom Himmel in die Hölle gelangen kann oder umgekehrt (In der Bibel steht etwas anderes; vgl. Lukas16, 26).

In der ganzen Schrift findet sich keine Rechtfertigung, die Träumereien von bewusstlosen oder schwer verletzten Personen so zu behandeln, als hätten sie eine prophetische Bedeutung. Die Schrift warnt uns wiederholt, die Behauptungen von Propheten nicht für bare Münze zu nehmen. «Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen» (1.Joh 4,1; vgl. 5.Mo 13,2–6; Jer 29,8–9; Mt 7,15–16; 24,4–5; 2.Petr 2,1).

Heutige Evangelikale haben eine zu geringe Meinung von der Schrift und eine zu hohe Achtung vor Dingen, die im allgemeinen Trend liegen. Möglicherweise ist keine Bevölkerungsschicht leichter zu beeinflussen oder Lemmingen ähnlicher. Dementsprechend sind evangelikale Leser zum grössten Markt und zu unersättlichen Konsumenten von Geschichten von Leuten geworden, die behaupten, sie wären im Himmel gewesen und wieder zurückgekehrt. Die astronomisch hohen Verkaufszahlen und der weitreichende Einfluss dieser Bücher sollte jedem, der das Wort Gottes wirklich liebt, Anlass zu ernsten Bedenken geben.

Autor: JOHN MACARTHUR

Gekürzter Auszug aus – Die Herrlichkeit des Himmels, S. 21–39. Bestell-Nr. 180051

 

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